Akutpsychiatrie.

Hinweis vorab: Eine niederschwellige und gut erreichbare psychiatrische Versorgung halte ich für absolut wichtig und brandaktuell. Ich habe auch immer gern mit psychische Kranken Menschen gearbeitet und tue das immer noch gern.

Ich arbeite nun schon einige Jahre in der Psychiatrie. Lange habe ich (bis auf wenige Aushilfstage) auf einer Station für Jugendliche und junge Erwachsene gearbeitet. Die Station verfolgte eine Art integratives Konzept bei dem akutpsychiatrische mit nicht-akutpsychiatrischen Patienten gemeinsam zusammen behandelt werden sollten. Mit ein paar Monaten Abstand zu diesem Konzept, sehe ich diesen Versuch kritisch. Wir haben dort versucht betreuungsintensive Jugendliche, die nicht selten eine engmaschige Betreuung (Kontakt alle 15 Minuten) oder sogar eine 1:1 (dauerhafte Betreuung durch examiniertes Personal) benötigten, mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu behandeln die ebenfalls einen gewissen Betreuungbedarf hatten. Dabei denke ich, dass diese Idee im Grunde funktionieren kann. Sofern ausreichend Personal vor Ort ist, dass entsprechend gut ausgebildet ist. Leider konnte ich über die Jahre zusehen, wie das Personal immer weniger wurde und die Patienten (subjektiv) immer kränker. Die Phasen in denen man mit einer Gruppe Patienten mal Aktivitäten wie Tischkicker oder Basketball durchführen konnte, wurden immer seltener. Denn wie soll gute Pflege funktionieren wenn da zwar drei Pflegekräfte im Dienst sind. Eine davon aber in einer 1:1 Betreuung sitzt, oder eben alle 15 Minuten nach einem Patienten sehen muss, der zweite ein intensives Pflegegespräch mit einem Patienten führt und der Dritte dann für die 16 anderen Patienten zuständig ist, aber eigentlich zur Visite mit muss. Was passiert dann mit den Bedürfnissen dieser 16 Patienten? klar, dass intensive Gespräch von Nummer 2 ist auch irgendwann vorbei. Aber dann steht schon der nächste Patient bereit.

Das größte Problem dabei: Oft war man gar nicht zu dritt, sondern nur zu zweit, weil der Krankenstand mit der zunehmenden Belastung anstieg. Dann gab es glücklicherweise oft noch Pflegeschüler, FSJ, die Teamassistentin oder auch mal Aushilfen von anderen Stationen. Ohne all diese Helfer wäre das System der psychiatrischen Pflege oft genug zusammengebrochen.

Die Überforderung und Unzufriedenheit lag oft genug spürbar in der Luft. Und wir alle waren uns bewusst, dass wir dem eigentlichen Klientel - unseren Patienten - mit so einer Pflege nicht gerecht werden können. Denn es bleibt gar nicht genug Zeit für alle. Von 7,7h Arbeitszeit geht sicherlich eine Stunde für die Pflegerische Übergabe drauf. Weitere 20-30 Minuten für die Übergabe an die Ärzte. Falls Visite ist: Je 1h für 2 Mitarbeiter. Für eine Aufnahme: Minimum 1h. Dokumentation: sicherlich 45 Minuten. Medikamente richten, kontrollieren, verabreichen: 45-60 Minuten. Weitere kleine Tätigkeiten (Essen austeilen, Betten machen, Botengänge), die nichts mit Patientenkontakt zu tun haben: 60 Minuten. Auf dem Papier bleiben also ca. 3h für reine Patientenkontakte. Drei Stunden für 8-10 Patienten und die Anleitung von Schülern, die ja noch irgendwie nebenbei laufen soll. Aus einer psychotherapeutisch ausgerichteten Station mag es möglich sein mit dieser Zeit zurecht zu kommen. Auf einer akut-psychiatrischen Station reicht das oft genug nicht aus. Denn eine Krisenintervention oder Deeskalation interessiert sich nicht dafür, dass du eigentlich nur 15-20 Minuten pro Patient Zeit hast. Auch nicht berücksichtigt sind hier Kontakte mit Eltern die man in dieser Altersgruppe notwendigerweise hat. Oft genug muss man auch hier Informationen geben und auch Beistand leisten.

Man konnte gar nicht allen Patienten gerecht werden.Häufig musste man abwägend welches Problem nun gerade dringlicher war und da gingen vor allem die stilleren schnell unter. Und das war frustrierend.

Jetzt arbeite ich in einer anderen Klinik. Mache dort nur Nachtdienst und helfe dort aus wo ich gebraucht werde. Hin und wieder auch auf einer geschützten Station für Erwachsene. Und dort lässt sich ein ähnliches erahnen. In manchen Nächten ist dort nur eine festangestellte examinierte Kraft und 2 Aushilfskräfte. Mit etwas Glück haben die auch Examen und mit etwas mehr Glück Erfahrung in der Psychiatrie. Fakt ist aber: Die Verantwortung für 30 kranke Menschen bleibt an einer Person hängen. So kann Akut-Psychiatrie in meinen Augen nicht funktionieren.

Aber eigentlich fängt es schon in der Ausbildung an. Dort versucht man den Pflegeschülern ein möglichst umfassendes Bild der Pflegetätigkeit zu geben. Psychiatrische Pflege kommt dabei meist zu kurz. Und so wird man beim Berufsstart ins kalte Wasser gekippt. Soll auf einmal wissen wie man mit eigen- oder fremdaggressiven Menschen umgehen soll. Soll wissen wie man mit seiner eigenen Angst in dieser Situation umgehen soll. Was hier helfen kann ist eine fundierte Ausbildung bevor man in der Akutpsychiatrie durchstartet. Gut wäre Deeskalationstraining schon im Rahmen der Ausbildung. Schon allein weil gefährliche Situation die kurz davor stehen zu eskalieren nicht nur in der Psychiatrie vorkommen, sondern eigentlich in allen Pflegebereichen möglich sind. Und es braucht definitiv einen besseren Personalschlüssel. Dann macht die Arbeit auch wieder Spaß. Dann hat man wieder Zeit für die Patienten und muss weniger Angst haben, denn es sind ja noch genug erfahrene und geschulte Kollegen da.

Und all das ist sehr schade: Denn wir brauchen gute Psychiatrien. Wir brauchen Orte die von Menschen in Krisen angelaufen werden können, in denen diese Leute Halt finden können. Mein Beitrag soll niemanden abschrecken sich in einer Krise an die nächstgelegene psychiatrische Ambulanz oder Notaufnahme zu wenden. Denn die Aktupsychiatrie ist auch immer eine Chance schnell Hilfe zu bekommen und zügig einen stationären Therapieplatz zu bekommen.

Wer Hilfe sucht sollte sie bekommen. Und wer nicht weiß wo, kann hier anfangen: http://www.telefonseelsorge.de


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Elbstrand

Besser Elbsstrand, als gar kein Strand. Und ganz eigentlich mag ich die Hafenkulisse ja auch ganz gern.

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Interkulturelle Psychotherapie

Hinter mir liegt ein Wahlmodul, dass ich mir auf vielen Dimensionen ganz ganz anders vorgestellt habe. Als ich mich für das Modul Interkulturelle Psychotherapie eingeschrieben habe, habe ich erwartet etwas über verschiedene Kulturen zu lernen. Über den Umgang mit psychischen Erkrankungen in anderen Kulturen. Welche Unterschiede liegen zwischen individualistischen und kollektivistischen Kulturen. Treten bestimmte psychische Erkrankungen in anderen Kulturen häufiger auf und wenn ja: warum? Und warum gibt es in verschiedenen Kulturen Erkrankungen die in dieser Form eigentlich nur dort auftreten?

Was ich bekomme habe waren nette Kennenlernen- und Einstiegsspielchen mit einem inhaltlichen Niveau dass die Projektwoche zu Jugendkulturen in der neunten Klasse eigentlich kaum überstiegen hat. Man brachte uns recht zügig nahe, dass es keinen Sinn mache Unterschiede in Kulturen aufzuzeigen, sondern das man herausarbeiten wolle mit welcher therapeutischen Haltung man Patienten mit (vor allem) Migrationshintergrund begegnen würde. In welchem Punkt das nun über die allgemeine emphatische, wertschätzende und authentische Haltung hinausgeht, hab ich jetzt aber immer noch nicht verstanden. Ausser vielleicht das man noch in einem viel größeren Ausmaß seine eigene Unsicherheit und Unwissenheit aushalten müsse, da man ja unmöglich über alle Kulturen Bescheid wissen kann. Mit einem geringen inhaltlichen Niveau hätte ich ja aber eigentlich auch gut leben können. Gerade nach dem letzten Semester kommt mir so ein bisschen Urlaub fürs Hirn gerade recht.

Viel erschrockener war ich ja über den Umgang der Dozenten mit uns. Wir hatten teilweise angeregte und interessante Diskussionen in der Gruppe. Diskussionen nach denen dann und wann einzelne Studierende rausgepickt wurden um sie für ihr (aus Sicht der Dozenten unangebrachtes) Verhalten zu tadeln. Seitens der anderen Teilnehmer traf diese Intervention eher auf Unverständnis.

Ganz besonders gefreut haben wir uns dann aber, als uns eröffnet wurde, dass wir binnen eines Wochenendes und einer Woche (Zeitraum 2 Wochen) eine kleine Studie durchführen sollten. Und jeder der bei Frau Prof. Dr. Sehrambitioniert das Seminar Forschungsmethodik hatte, kriegt bei solchen Worten Herz-Rhythmus-Störungen. Darüber sollten wir in Kleingruppen am Ende eine Präsentation halten.

Was dabei heraus kommt, wenn man solch ein Studienvorhaben in so kurzer Zeit neben dem restlichen Alltagsbetrieb nebenher macht kann man sich vermutlich denken. Gute Forschung sieht vermutlich anders aus.

Aber um mal was gutes zu sagen: Immerhin hab ich ein weiteres Modul und eine weitere Prüfung hinter mich gebracht und das Semester wird zunehmend entspannter.

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Essstörungen.

Ich hab ja letztens irgendwann behauptet, ich würde in unregelmäßigen Abständen Artikel zu ausgewählten psychischen Erkrankungen hier einstellen. Heute ist es mal wieder soweit.

Thematisch möchte ich heute einen kurzen Überblick über die heterogene Welt der Essstörungen geben. Aus einem einfachen (und persönlichen) Grund: Am Donnerstag schreibe ich eine Klausur, die unter anderem dieses Themengebiet abdeckt und was soll ich sagen…. Ich esse zwar gern, aber Essstörungen sind wirklich nicht mein Lieblingsthema. Folglich kann ich mir alles was dazu gehört nur schlecht merken. Irgendwie finde ich nur schwer einen Bezug dazu, obwohl die möglichen Ursachen - sodann man sie aus einem psychodynamischen Blickwinkel betrachtet - durchaus logisch und nachvollziehbar sind.

Zunächst die Frage: Welche Arten von Essstörungen kann man unterscheiden (bzw. welche werden hier im Folgenden unterschieden? Im großen und ganzen sind die relevanten, respektive häufigen, Störungen die Anorexie, die Bulimie und die Binge-Eating-Störung.

Die Anorexie. Genauer gesagt: Anorexia nervosa. Die Betroffenen haben mit einem BMI unter 17,5 ein deutliches Untergewicht, welches sie auf verschiedenen Wegen (Vermeidung hochkalorischer Speisen, selbst herbeigeführtes Erbrechen und/oder Abführen oder auch übermäßige körperliche Aktivität) selbst herbei geführt haben. Im Zentrum steht bei dieser Erkrankung eine sogenannte Körperschemastörung mit der Angst zu dick zu sein, obwohl ein deutliches Untergewicht besteht. Als Folge des restriktiven Essverhaltens und damit einer Mangelernährung mit wichtigen Nährstoffen können pubertäre Entwicklungsschritte verzögert werden, aber auch das Hirn- und Muskelvolumen nimmt ab. Die Patienten selbst klagen häufig über Reizbarkeit, Unruhe und Konzentrationsstörungen, aber auch über Obstipation mit Völlegefühl.

Die Bulimia nervosa (kurz: Bulimie) kann eine mögliche Entwicklung aus der Anorexie heraus sein, aber auch für sich allein auftreten. Im Vordergrund stehen Ängste vor Gewichtszunahme (häufig bei Normalgewicht), welche die Patienten versuchen mit restriktivem Essverhalten in den Griff zu bekommen. Jedoch wird das restriktive Essverhalten durchbrochen von Heißhungerattacken. Diese wiederum führen zu den eben beschriebenen Ängsten vor Gewichtszunahme und Schuldgefühlen, deren Spannung mit selbst herbei geführtem Erbrechen gelöst wird. Der Tagesablauf der Betroffenen ist dabei geprägt von Gedanken an Essen und Essanfälle werden erst dann unterbrochen wenn Bauchschmerzen, Erschöpfung oder andere äußere Umstände eintreten.

Die Anorexie und die Bulimie unterscheiden sich nun vor allem darin, dass bei der Anorexie der Wunsch im Vordergrund steht abzunehmen und dies versucht wird mit einem stark kontrollierten (zwanghaft anmutenden) Essverhalten zu erreichen. Bei der Bulimie steht hingegen der Wunsch im Vordergrund nicht zunehmen zu wollen, nachdem durch Heißhungerattacken die Kontrolle verloren wird. Während Patienten mit Bulimie häufig einen großen Leidensdruck angeben, berichten anorektische Patienten eher seltener von einem persönlichen Leidensdruck

Im Rahmen der Binge-Eating Störung kommt es ebenfalls wiederholt zu Heißhungerattacken, wie bei der Bulimia nervosa beschrieben, jedoch werden keine gegenregulierenden Maßnahmen eingeleitet. In der Folge kommt es meist zu (starkem) Übergewicht, bzw. Adipositas. Adipositas meint die übermäßige Vermehrung von Körperfett und lässt sich ab einem BMI von über 30 in verschiedene Schweregrade einteilen. Jedoch zählt die Adipositas nicht zu den psychischen Störungen. Die Binge-Eating Störung jedoch schon.

Ein generelles diagnostisches Problem ist, dass die Häufigkeit bei Männern (auf Grund der Diagnosekriterien die sich vor allem an Frauen ausrichten) unterschätzt wird. Männer zeigen häufig ein anderes Gewichtsideal und zeigen beispielsweise ein pathologisches Verhalten hinsichtlich ihres Muskelaufbaus.

Zu Beginn habe ich den psychodynamischen Blickwinkel angesprochen auf den ich jetzt noch kurz eingehen möchte. Während das restriktive Essverhalten der Anorexie zum einen als Hilferuf nach Liebe, Geborgenheit (kümmer dich um mich! Fütter mich!) und Anerkennung (schau wie diszipliniert ich bin!) kann das restriktive und kontrollierte Essverhalten als Beweis für Kontrolle über den Körper und letzten Endes als Sieg über sich selbst und Sieg über das Mittelmaß interpretiert werden. Letzt genanntes entbehrt nicht einer gewissen narzisstischen Komponente. Beginnt die Essstörung vor Einsetzen oder zu Beginn der Pubertät bleibt die Entwicklung der körperlichen Reife unter Umständen aus bzw. verzögert sich. Dies ist Grund zur Annahme, dass die Betroffenen sich durch die Symptomatik vor den Anforderungen des Erwachsenenlebens, aber auch des Sexuallebens und anderen Leistungsanforderungen, schützen wollen (platt gesagt: Wenn ich nicht zur Frau werde, muss ich keinen Sex haben.). Im Bereich der Adipositas bzw. der Binge-Eating Disorder wird davon ausgegangen, dass bei den Patienten ein depressiver Grundkonflikt (ein Begriff den ich jetzt erstmal nicht weiter erkläre) besteht, der dann oral verarbeitet wird. Das Selbst (bzw. die Person) bekommt vom Objekt (einer andere Person) emotional nicht das was sie braucht. Gewisse emotionale Bedürfnisse werden also nicht befriedigt. Das führt zu einer unsicheren Bindung des Selbst an das Objekt. In der Folge wird - um die innere Stimmungslage zu regulieren und emotionale Bedürfnisse zu befriedigen - alles einverleibt was da ist (Es egal was es ist, Hauptsache es macht satt!).

Das mag sich nun auf den ersten Blick vielleicht etwas konstruiert anhören. Wenn man aber häufiger mit dieser Patientengruppe zu tun hat, kommt man (meiner Meinung nach) nicht umhin anzuerkennen, dass diese psychodynamisch-tiefenpsychologischen Aspekte durchaus ihre Berechtigung haben.

Essstörungen sind ein ernstzunehmendes Problem. Bis zu 20% der Anorexien verlaufen tödlich und nur knapp die Hälfte der Patienten wird wieder gesund. Vor allem die körperlichen Folgeschäden werden dabei zum Problem. Neben Verletzungen im Mund-, Rachen- und Speiseröhrenbereich durch wiederholtes Erbrechen sind vor allem Herz- und Nierenschäden durch Mineral- und Nährstoffmangel hochgefährlich. Nicht zuletzt nimmt durch den Eiweißmangel auch noch die Muskel- und Hirnmasse ab, dies ist jedoch bei Wiederaufnahme eines normalen Essverhaltens reversibel.

Neben diesen Dreien gibt es noch weitere Essstörungen. Vor allem unter dem Etikett "Atypische Essstörungen" wird ein Großteil der Diagnosen vergeben. Das Problem hierbei: Die Diagnose der atypischen Essstörungen fällt unter eine sogenannte Restekategorie. Und für Restekategorien gibt es keine spezifischen Behandlungspläne.

Und nachdem ich das nun alles runtergeschrieben habe, habe ich immerhin festgestellt, dass ich doch gar nicht so wenig über Essstörungen weiß und das für die Klausur eventuell auch ausreichen könnte.

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FAQ FernUni Edition

Weil ich gerade vor Beginn des Wintersemester immer wieder Mails bekomme mit Fragen rund um das Bachelorstudium an der FernUni Hagen, hab ich dafür jetzt mal ein FAQ erstellt, damit ich nicht immer wieder die gleichen Fragen beantworten muss.

Hier gehts lang: http://kampfkeks.net/psychologiestudium/faq/faq.html

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Scham, Schuld und Existentielle Ängste

Es war wieder Selbsterfahrungswochenende. Diesmal mit den Themenschwerpunkten Scham, Schuld und existentiellen Ängsten.

Wir alle schämen uns für irgendwas. Einige schämen sich, wenn sie Klopapier einkaufen, andere haben Schwierigkeiten damit vor einer Gruppe zu sprechen und wieder andere erröten wenn sie voll auf Helene Fischer abfahren und dann nach ihrem Musikgeschmack gefragt werden. Dabei ist Scham - wie wir gleich zu Beginn gelernt haben - eine gänzlich nutzlose Gefühlsregung. Sie entwickelt sich durch Erziehung und Sozialisationserfahrung, durch Lernen am Modell und Beobachtung von Rollenvorbildern. Sicherlich ist es sinnvoll die Regeln der Gesellschaft zu lernen und sich nicht völlig schambefreit in der U-Bahn zu entblößen und sich dort umzukleiden. Oder auch zu lernen, dass es nicht angebracht ist, in einem Meeting ein Gespräch über Geschlechtskrankheiten zu beginnen. Jedoch geht es hierbei um die Fähigkeit sich an gesellschaftlich geltende Normen anzupassen. Also um ein Verständnis von dem was in der jeweiligen Situation angebracht ist und was nicht. Schamempfinden ist jedoch überflüssig.

Die Dinge für die wir uns schämen, sind Dinge die allen Menschen passieren können. Wir schämen uns, wenn wir stürzen, wenn wir zum Bus rennen. Wir schämen uns ganz erheblich wenn es um unsere Sexualität geht. Dabei ist es sicherlich sinnvoll und wünschenswert, wenn man nicht offenherzig mit jeder Person detailliert über sein Sexualleben spricht, jedoch gibt es keinen Grund zur Scham für das Ausleben seiner Sexualität.

Zum Thema Scham haben wir an diesem Wochenende verschiedene Übungen gemacht. Die schönste davon war, dass jeder von uns sich in die Mitte eines Stuhlkreise setzen sollte (und allein das ist häufig schon schambesetzt und unangenehm, weil man plötzlich im Mittelpunkt des Interesses steht) und reihum sollte jeder eine Sache nennen, die er am Mittelpunkts-Menschen mag. Und obwohl man wusste, dass man nur positives zu hören bekommen würde, war die Situation mit Anspannung verbunden und ein Stück weit unangenehm. Auf der anderen Seite wirkte die Übung aber wie eine positive Emotionsdusche an einem Tag, an dem ich das wirklich gut gebrauchen konnte.

Scham kann auf Schuld folgen. Schuld ist dabei durchaus sinnvoll, ist sie doch wichtiger Bestandteil unseres Rechtsverständnisses. Zwar geht es in der Straftäterbehandlung heute nicht mehr wie im Mittelalter darum gleiches mit gleichem zu vergelten, damit eine Schuld beglichen wird, sondern auch sehr um Resozialisierung der Täter, jedoch ist ein maßgeblicher Bestandteil der Resozialisierung auch immer die Übernahme von Schuld. In der psychotherapeutischen Praxis ist es häufig eher umgekehrt. So geht es dort oft darum die erlebte Schuldlast der Patienten zu reduzieren.

Nach Scham und Schuld haben wir uns den existentiellen Ängsten gewidmet. Also mit Ängsten vor Dingen die gewissermaßen unabänderlich sind, wie zum Beispiel dem Tod oder Isolation oder unabänderlichem Leid. Oder aber auch davor den Sinn des Lebens nicht zu finden. Besonders spannend war für mich hier die Arbeit in Kleingruppen zu den Fragen 1) Gibt es einen Gott/ Göttin und was macht er/sie? 2) Was passiert nach dem Tod? 3) Welchen Auftrag hast du im Leben? Wir hatten in unserer Gruppe eine angeregte Diskussion darüber, da jeder die Fragen unterschiedlich beantwortete. Auch wer nicht an Gott glaubte, glaubte häufig an irgendeine Art höhere Instanz. Für mich persönlich sind die Antworten auf die drei Fragen miteinander verwoben. So hat die Idee einer höheren Instanz Einfluss auf meinen Glauben daran, was nach dem Tod passiert und schlussendlich darauf welchen Auftrag ich im Leben habe. Und obwohl ich mir auf einer rationalen Ebene recht sicher bin, dass nach meinem Tod ziemlich sicher nichts ist, und dass es keine höhere Instanz gibt, die irgendwas auch nur annähernd lenkt, so halte ich mich dennoch auf einer spirituellen Ebene daran fest. Das mag ein narzisstischer anmutender Wunsch sein, dass mein Leben auf diesem Planeten nicht völlig nutzlos und beliebig ist, oder vielleicht auch nur die Unfähigkeit mit das Nichts vorzustellen.

Ich freu mich schon auf die nächsten beiden Seminar-Wochenende, die leider erst im Wintersemester sein werden, dafür aber zum Ausgleich mit einem tiefenpsychologischem Schwerpunkt.

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The Circle

Kürzlich las ich das Buch "The Circle" von Dave Eggers. Letztes Jahr war der Film auch in den Kinos und ich freue mich schon auf die Gelegenheit eben jenen zu sehen.

Um grob die Story zu umreißen: Mae fängt ein bei einem großen Unternehmen, dem Circle, zu arbeiten. Dieses Unternehmen ähnelt in vielerlei Hinsicht Facebook und ist im Kern ein soziales Netzwerk mit Klarnamenpflicht und hat auch schon eine Bezahlmethode implementiert die einem das Leben vereinfachen soll, weil man ja nur noch den einen Account braucht um diverse wichtige und nützliche Apps zu verwenden und auch um den eigenen Geldverkehr zu regeln. Datenschützerherzen hüpfen schon jetzt im Dreieck.

Jedenfalls beginnt Mae dort in der Customer Experience zu arbeiten und das ist sowas wie der Kundendienst für die diversen Apps die das Unternehmen entwickelt hat. Der ganze Firmencampus ist zum einen recht groß und zum anderen hoch modern, hip und supercool. Jeder will dort arbeiten. Ständig finden irgendwelche wahnsinnig coolen Veranstaltungen statt und Gesundheit wird groß geschrieben. So bekommt Mae ganz am Anfang ein Armband welches diverse Parameter wie Schritte, Herzfrequenz, Temperatur und noch so einiges anderes misst. Und natürlich bekommt sie auch ein neues Handy mit dem sie dann am sozialen Netzwerk teilnehmen soll. Immer wenn sie zu irgendwelchen Veranstaltungen (am Besten auf dem Campus) geht, soll man darüber berichten. Weil wie sollen die anderen sonst erfahren was sie cooles verpasst haben? Und natürlich muss man auch jede noch so kleine unbedeutende Anfrage (egal ob privat oder beruflich) beantworten, denn sonst ist am anderen Ende der Leitung ganz schnell jemand beleidigt.

Nun arbeitet sich Mae an ihrem neuen Arbeitsplatz ein und hat erst zwei Bildschirme zum arbeiten und am Ende hab ich leider nicht mehr mitgezählt… 8 oder 9 vielleicht. Einer ist für die eigentliche Arbeit und die restlichen für irgendwelche sozialen Aktivitäten. Und alle müssen am Besten gleichzeitig beachtet werden. Die ganze Story spitzt sich zu als Mae sich dazu entschließt ein transparenter Mensch zu werden und sich tagsüber beinahe lückenlos (bis auf dreiminütige Toilettengänge) zu filmen. Beziehungsweise zu filmen was sie so den ganzen Tag tut. Damit wird sie schnell zu einer sehr einflussreichen Person im Unternehmen und im gesamten Circle und damit auf der Welt.

Was sie leider nicht merkt ist, dass gar nicht alle Menschen auf dem Planeten es so supercool finden, dass sie ständig überwacht werden könnten, dass individuelle Vorlieben auf Schritt und Tritt verfolgt werden und somit die Werbung um mich rum optimiert wird. Dass es keine Rückzugsorte mehr gibt, weil mit dem Zusammenschluss aller Menschen im sozialen Netzwerk und dem Einsatz verschiedener Apps es in Kürze möglich ist jeden Menschen zu lokalisieren. Verkauft wird das den Menschen mit einem radikalen Rückgang an Kriminalität und einer Vereinfachung des Lebens.

Und sie merkt auch nicht, dass sie ihr eigentliches Leben Stück für Stück verliert, weil alles nur noch im virtuellen sozialen Netzwerk stattfindet. Kaum einer hat noch Zeit um wirklich Kajak fahren zu gehen, weil man an irgendwelchen Gruppen darüber partizipieren soll und beschäftigt ist jedem zu erklären warum man woauchimmer nicht hin kann.

Obwohl ich den Roman wirklich sehr gut geschrieben fand, konnte ich ihn nicht am Stück durchlesen. Oft musste ich ihn weg legen, weil ich den Gedanken an eine derartig überwachte Welt nicht ausgehalten habe. Mir nicht vorstellen konnte wie es sein kann, dass man nicht merkt auf welchen Abgrund man da zusteuert. Dabei ist mir ja wohl bewusst, dass ich verschiedene soziale Netzwerke selbst ja auch benutze und so einiges an Informationen über mich ins Netz blase.Aber ich hab auch die Kamera von meinem Laptop angeklebt, weil ich dann doch nicht will, dass mir jemand zuguckt. Und ich kaufe mir auch ganz sicher keine Alexa die 'mithört'. Mir reichte schon das Erlebnis letzten Sommer, als ich mich darüber unterhielt, dass ich einen neuen Rucksack benötigen würde und mir dann 'zufällig' Abends bei Facebook passende Produktplatzierungen geliefert wurden. Ohne dass ich mich online schon nach Rucksäcken umgesehen hätte. Und natürlich habe ich aus Bequemlichkeit auch gern die Option "über Facebook anmelden" benutzt. Weil ich faul bin. Jetzt bin ich mir nicht so sicher, ob das die beste Idee des Tages war.

Nun ist aber die Frage: Was mach ich mit meinem Wissen? Mit dem Wissen, das ich ja nicht erst seit gestern habe, dass Facebook und Co. jeden von uns ausspionieren und wir nur ach so bereitwillig alle möglichen Daten zur Verfügung stellen, obwohl wir doch recht gut wissen, dass unsere Daten verkauft werden. Womöglich werd ich das nun immer im Hinterkopf behalten wenn ich im Netz unterwegs bin und mich für irgendwas registrieren muss. Werde mir überlegen ob ich wirklich will, dass ein Konzern wie Facebook oder Google diese Information von mir bekommt.

Denn ich will ganz sicher keine Welt, in der andere Menschen potentiell zu jedem Zeitpunkt wissen könnten wo ich bin und was ich dort tue.

Das Buch ist jedenfalls gut und aufrührend auf eine ganz andere Art.

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Tavemünde

Kurze Auszeit an der Ostsee bei schönstem Frühlingswetter,

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