4 Wochen Psychologin - 4 Wochen Eingliederungshilfe

Vor ziemlich genau vier Wochen stand ich im Kolloqium - der mündlichen Verteidigung meiner Masterarbeit - vor meinen Prüferinnen. Ich redete mir den Mund 13 Minuten fusselig und trocken, beantwortete die Fragen und wurde danach beglückwünscht zu meiner bestandenen Masterarbeit. Und damit auch freudig aufgenommen in den Kreis der Psychologinnen. Ich hab das Happening gebührend mit Käsekuchen gefeiert und direkt am nächsten Tag meine erste Stelle als Psychologin angetreten.

„Der Arbeitnehmer wird als Psychologin eingestellt.“ Das mit dem Gendern muss man dort wohl erst noch lernen und irgendwie ist es mir dann doch ein bisschen egal und erheitert mich viel mehr, als das es mich ärgert.

Aber Katha, erzähl doch mal! Wie ist es denn bei deiner neuen Arbeitsstelle und was machst du da überhaupt? Das will ich euch verraten:

Ich betreue psychisch kranke Erwachsene im Rahmen der Eingliederungshilfe. Der Fokus liegt erfreulicherweise viel weniger darauf die Klienten auf den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln, sondern vielmehr darin den Klienten eine Teilhabe am Leben zu ermöglichen. Und sei das nun durch Unterstützung bei der Haushaltsführung oder dem Einkauf, oder aber auch bei Behördengängen und Arztbesuchen, so darf es bei manchen auch einfach mal eine Runde um den Block mit einem Kaffee sein. Ich arbeite dort in einem kleinen Team, jedoch mache ich die Termine mit meinen Klienten selbst aus, was mir eine gewisse Planungsfreiheit und Flexibilität gibt. Oft bringen die Klienten selbst schon Ideen mit, was sie in ihrer Betreuungszeit erledigen möchten (oder müssen), in manchen Fällen muss ich aber mit den Klienten zusammen erstmal überlegen was ansteht, oder zu was man sich motivieren könnte. Neben den Einzelterminen gibt es diverse Gruppenangebote. Ich habe das Glück bei einer Mittagstisch-Gruppe direkt als Vertretung einspringen zu können und kann so das Angenehme (Essen und Unterhaltung) mit dem Nützlichen (Eingliederung) verbinden zu können.

Diese Form ambulanter Versorgung ist für mich nun etwas ganz neues, bringe ich doch jahrelange Erfahrung aus dem stationären Setting mit. Aber es ist genau das was ich wollte. Raus aus dem teilweise sehr vorstrukturierten (aber streckenweise auch erschreckend unstrukturiertem) Stationsalltag, rein in das freiere ambulante Setting.

Und was soll ich sagen: Ich hab Spaß bei meiner Arbeit. Zumindest solange wir nicht über die Vergütung sprechen.

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Zeitkriterium: Beziehungserfahren

Kürzlich unterhielt ich mich mit jemandem über das Thema Beziehungserfahrungen. Beziehungsweise was wir eigentlich darunter verstehen, wenn wir andere Personen als 'beziehungserfahren' einschätzen.

Wir sind ja alle irgendwie beziehungserfahren. Wir haben alle Erfahrungen mit verschiedenen Arten von Beziehungen gemacht. Je älter wir werden, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir bereits Erfahrungen mit der ein oder anderen Liebesbeziehung gemacht haben. Und um eben jene und die Interpretation vergangener Beziehungserfahrungen soll es im Folgenden gehen.

In meiner Beobachtung scheint es so, dass je jünger wir sind, desto eher lassen wir uns zu vereinfachenden Denkmodellen hinreißen. Da ist man schnell dabei über das potentielle Gegenüber das Urteil zu fällen er oder sie sei über den vorigen Partner noch nicht hinweg, weil diese Person noch einen gewissen Stellenwert im Leben einnimmt. Einige Jahre später wollen wir unseren potentiellen Beziehungspartner dahingehend abchecken, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Beziehung einen gewissen Zeitraum überdauert und was tun wir dafür? Genau: Wir ziehen die Informationen ran die wir haben. Hatte die Person zuvor eine langjährige Beziehung, dass glauben wir gern, dass die Beziehung mit uns womöglich ebenfalls eine gewisse Zeit überdauert.

Soweit so gut. An beiden Denkmodellen wird was Wahres dran sein. Und wie das im Leben so ist: Eine einfache Antwort gibt es auf die Frage nicht und die Sicherheit, dass man mit dem potentiellen Beziehungspartner einen Partner gefunden hat, mit dem es 'auf ewig' läuft, die gibt es sowieso nicht. Worum es mir aber geht ist, dass beide Ansätze uns in die irre führen. Der eine Weg bremst uns aus und hindert uns womöglich daran einen tollen Menschen kennen zu lernen und auf dem anderen Weg wiegen wir uns in einer trügerischen Sicherheit, die es so gar nicht gibt.

Aber was können uns die vergangenen Beziehungserfahrungen denn nun eigentlich verraten, oder wäre es nicht sogar viel sinnvoller, diese gar nicht zu beachten? Ich glaube, man kann schon wertvolle Informationen daraus ziehen. So können wir tatsächlich versuchen abzuschätzen, ob unser Gegenüber eventuell noch sehr an der verflossenen Liebe hängt und ihr hinterhertrauert und eigentlich gar nicht in der Lage ist etwas neues einzugehen. Oder aber ob die Erinnerungen zwar noch da und zum Teil auch schmerzhaft sind, aber schon wieder eine Bereitschaft da ist, sich für etwas Neues zu öffnen.

Ähnliches gilt für den Aspekt mit dem wir Beziehungserfahrenheit bescheinigen. Nur weil unsere auserwählte Person schon eine oder mehrere mehrjährige Beziehungen hinter sich hat, heißt das weder, dass dies Beziehungsformen waren die man selbst leben möchte, dass es gesunde Beziehungen waren oder aber dass der oder die Auserwählte im Moment gerade an etwas langfristigem interessiert ist. Wir wissen in aller Regel schlichtweg viel zu wenig um uns über die Beziehungen zwischen anderen Menschen ein angemessenes Urteil bilden zu können und ziehen zumeist nur ein Zeitkriterium heran. Was eine mehrjährige Beziehung jedoch durchaus aussagen kann ist, dass dieser Mensch zumindest in der Vergangenheit Willens und in der Lage war sich auf jemand anderen einzustellen und eine gewisse Bereitschaft mitgebracht hat eine andere Person in seinem Leben zu akzeptieren und ihr einen Platz einzuräumen. Nicht mehr und nicht weniger. Es heißt nicht, dass das in Zukunft zwischen dir und ihr oder ihm ebenfalls so sein wird. Denn du bist nicht die Expartnerin. Sind die bisher geführten Beziehungen eher von kurzer Dauer gewesen und haben selten wesentlich länger als ein Jahr angedauert, so kann man daraus auch versuchen etwas abzuleiten. Ich persönlich wäre bei solchen Konstellationen eher vorsichtig. Denn wenn jemand die Verbindung zu einer anderen Person jeweils nur ein paar Monate halten kann, dann hat dieser Mensch eher wenig Erfahrungen in Beziehungen gesammelt die über die Phase der Verliebtheit hinausgingen. Die Beziehungen haben kaum Alltag erlebt, bzw. sobald der Alltag kam konnte die Verbindung nicht gehalten werden.

Das hier stellt weder ein Beziehungstipp dar, noch ist es der Weisheit letzter Schluss. Es sind lediglich meine Gedanken zum Thema "Zeitkriterium: Beziehungserfahren". Auf der Partnersuche ist man immer bemüht den Gegenüber irgendwie einzuschätzen. Abzuschätzen ob das Lebenskonzept und Beziehungskonzept miteinander in Einklang zu bringen ist. Abzuschätzen ob und wie viel Energie man investieren will und ob der andere bereit ist das gleiche Maß an Energie in die angestrebte Verbindung einzubringen. Also ziehen wir die vergangenen Beziehungen unser Dates heran und versuchen das irgendwie zu interpretieren. Und auch wenn es dazu keine einfache Deduktion, keine einfache Wahrheit gibt, so kann uns allein das Zeitkriterium einen kleinen Hinweis auf die Fähigkeit zu romantischen Beziehungen geben. Aber diese kleinen Hinweise sind mit Vorsicht zu genießen. Denn nur, weil die vergangene Beziehung noch nicht lange beendet ist oder der Expartner noch Thema ist, heißt das nicht, dass eben jenem noch 'hinterhergetrauert' wird. Im Gegenzug bedeutet eine mehrjährige Beziehungserfahrung auch nicht, dass die Person auch in Zukunft (mit dir) eine langfristige Bindung eingehen wird.

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Free Solo.

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Bildquelle: Capelight.

Am 21.03. (also gestern) kam ein wirklich wahnsinnig sehenswerter Dokumentationsfilm über Alex Honnold und seine Vorbereitungen um den El Capitan - eine legendäre Felsformation im Yellowstone - ohne technische Hilfsmittel zu erklettern. Es sei mal kurz nebenbei bemerkt (falls es auf dem Foto nicht zu erkennen ist): Dieser Felsen ist mit über 900m wirklich sehr sehr hoch und sehr sicher schon mit Seil und Sicherung eine immense Herausforderungen. Je länger man den Film sieht, desto mehr beginnt man sich zu fragen: Wo zur Hölle findet dieser Mann eigentlich Halt?!

Der Film zeigt einen sehr krassen und eindrucksvollen Typen, der eine - wie ich finde - sehr spezielle Herangehensweise an die Dinge hat. Das Klettern verfolgt er mit einer beeindruckenden Zielstrebigkeit und auf den ersten Blick wirkt er wie ein recht charmanter und durchaus intelligenter junger Mann. Schaue ich mir den Film als Psychologin an, entdecke ich da aber auch durchaus Wesenszüge, die ihm diese herausragende Leistung überhaupt erst ermöglichen. So scheint er sich eher weniger an materielle Dinge und auch emotionale Beziehungen zu binden, als es die meisten von uns tun. Dabei ist es nicht so, dass er die Dinge völlig emotionslos angeht. Aber irgendwie scheint er keine Angst zu haben. Irgendetwas scheint es ihm möglich zu machen, dass er in einer solch (durchaus) lebensbedrohlichen Situation einen kühlen Kopf bewahrt und er unbeirrt seinen Weg weiter verfolgen kann. Im Film wird auch ein junger Mann gezeigt, der sehr viel Freude in und an seinem Leben zu haben scheint. Ein Mann, der gerne lebt. Nur eben auf seine besondere Art und Weise.

Man möchte während des Films immer wieder mal die Augen schließen, weil man denkt: Verdammt ist das hoch! Mach das doch nicht Junge! Das ist doch der blanke Wahnsinn! Aber er verfolgt einfach weiter seinen Weg, seinen großen Traum. Er erklettert in unter 4 Stunden diesen Felsen, steht oben drauf, schwitzt kaum und sagt sowas wie: "Joa, fühl mich gut.".

Wer sich für Sport und einzigartige Persönlichkeiten interessiert: Der Film ist absolut sehenswert. Die Psychologen unter uns werden einige interessante Aspekte erkennen und vielleicht werdet ihr wie ich am Ende des Films einfach sprachlos auf den Abspann starren und denken: Was für ein krasser Typ. Und vielleicht werdet ihr dann auf dem Heimweg auch ein wenig traurig denken: Das wird nicht der letzte lebensgefährliche Aufstieg von ihm gewesen sein. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ihn das gleiche Schicksal ereilen wird, wie viele der Extremkletter. Aber bis dahin: Verdammt krasser Typ. Verdammt sehenswerter Film. Geht ins Kino!


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Master of Burnout im Psychologiestudium.

Unknown

Um es kurz zu machen: Ich hab ihn in der Tasche. Den Master of Science. Ich darf mich nun so gut wie Psychologin nennen. Vermutlich erst nach der Zeugnisübergabe. Aber wer weiß das schon so genau. Nach 8,5 Jahren Studium hab ich es nun geschafft und freu mir ein Loch in den Bauch. Weg mit den fiesen Sätzen meiner damaligen Klassenlehrerin der letzten beiden Schuljahre, die meinte, ich sei falsch auf dem Gymnasium und des Abiturs nicht würdig.

Und weil ich mich so freue, gibt es nun einfach die Zusammenfassung bzw. das Abstract meiner Masterarbeit für euch alle. Ich selber mochte mein Thema super gerne und fand es wahnsinnig spannend umso schöner, wenn man seine Note mit einem Lob versehen kredenzt bekommt von jemandem der wirklich eher zurückhaltend mit solchen Dingen ist.


"Das Burnout-Syndrom mit Symptomen der emotionalen Erschöpfung, Zynismus und Ineffizienzerleben (Maslach, Jackson & Leiter, 1997) gilt als Risikofaktor für die Entwicklung somatischer und psychischer Erkrankungen (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, 2012). Psychologiestudierende standen bislang selten im Forschungsmittelpunkt, obwohl Psychologen zu einer Berufsgruppe zählen in der das Burnout-Syndrom gehäuft auftritt (Schmidbauer, 1977). Zielsetzung dieser Masterarbeit ist es Risiko- und Schutzfaktoren bei der Entwicklung eines Burnout unter Psychologiestudierenden zu untersuchen. Die quantitativen Daten aus Online-Fragebögen von n = 110 Studierenden der Medical School Hamburg (MSH) und n = 65 Studierenden der FernUniversität in Hagen (FUH) wurden inferenzstatistisch ausgewertet. Im Vergleich zur FUH erlebten sich Studierende der MSH belasteter. Studienbezogene Anforderungen erwiesen sich für beide Gruppe als signifikante Risikofaktoren bei der Entwicklung eines Burnout. Soziale Unterstützung durch Lehrende zeigte sich für MSH-Studierende und die Selbstwirksamkeitserwartung für beide Gruppen als protektiver Faktor. Die Anforderung an die Psychologiestudierenden der Stichprobe sind hoch und könnten seitens der Hochschulen durch Eröffnung von Handlungsspielräumen, Bereitstellung sozialer Unterstützung durch Lehrende und Angeboten zur Stressbewältigung adressiert werden. Die Regressionsanalyse stößt bei dieser Fragestellung an ihre Grenzen, die Verwendung von Pfadanalysen wird empfohlen."


Und wer auch immer meine Masterarbeit "Risiko- und Schutzfraktoren bei der Entwicklung eines Burnout-Syndrom im Psychologiestudium" lesen möchte, der darf sie sich gerne hier herunterladen.

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It's okay not to be okay.

"I don't like mondays" singen die Boomtown Rats. Und schaut man sich die Social Media Kanäle zum Wochenbeginn an, scheint das für eine Menge Menschen zuzutreffen. Besonders alamierend sind Zahlen der Deutschen Bahn (2004) denen zufolge sich Suizide gerade zu Beginn der Woche und in den Monaten April bis September häufen. Und weil heute Montag ist, gibt es heute diesen kurzen Artikel.

Es ist völlig okay, wenn es dir gerade nicht gut geht. Solche Phasen kennen wir alle. Und du musst da wirklich nicht allein durch.

Die, die mich kennen es sowieso schon: Ich habe immer ein offenes Ohr und helfe auf Nachfrage wo ich kann. Und selbst die, die mich nicht kennen, können es beim Besuch meiner Homepage erahnen. Ich teile hier Inhalte, ohne etwas dafür zurück zu erwarten. Ich bekomme immer wieder Emails mit Fragen rund um das Studium und alle die mir schonmal eine Email geschrieben haben, wissen das sie eine Antwort bekommen (sollte ich mal eine Antwort vergessen haben, tut mir das natürlich leid).

Aber auch für alle die mich nicht so gut kennen oder für jene die mich kennen, aber es vielleicht vergessen haben: Meine Tür steht dir immer offen. Es ist mir egal, ob du was wichtiges besprechen willst, Kummer hast oder einfach ein bisschen gemeinsam auf Bäume starren willst. Vielleicht suchst du auch ein Ventil für deine Wut. Ich bin da und höre zu. Ich werde nicht über dich urteilen, mich über dich lustig machen oder deine Sorgen und Nöte weiter erzählen. Ich werde dich einfach da sein lassen.

Wenn du in Not bist, kannst du dich melden. Es ist nicht wichtig wie gut oder wenig gut wir uns kennen, ob wir gerade Streit haben oder uns lange nicht mehr gesehen haben. Wenn du jemanden zum reden, anlehnen oder einfach eine Tasse Tee brauchst: Meine Telefonnummer hat sich seit 15 Jahren nicht geändert.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und vielleicht sieht das alles schon gar nicht mehr so düster aus, wenn du deinen Ärger oder Kummer nicht mehr nur mit dir allein herumschleppen musst. Vielleicht tut es dann immer noch weh. Aber du weißt dann vielleicht, dass du nicht mehr allein bist.


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Wir sind Teil des Problems oder: Kommunikation ist echt kompliziert.

Wir alle kennen solche Situationen: Wir sind sauer auf die Welt. Wir fühlen uns irgendwie verstoßen, unverstanden und ungerecht behandelt. Wir verstehen eigentlich auch gar nicht so genau, was da eigentlich gerade vor sich geht oder was da passiert ist. Wir wissen nur, dass alles gerade schief zu laufen scheint und sich die Menschen uns gegenüber seltsam verhalten und das macht uns wütend, denn irgendwie scheinen wir gar keinen Einfluss darauf zu haben.

Doch ist das wirklich so? Haben wir wirklich keinen Einfluss auf die Situation? Sind wir wirklich nur passive Wesen, die den Geschehnissen ausgeliefert sind? Oder haben wir vielleicht doch auch selbst einen Anteil an der Krise in der wir gerade stecken? Sicherlich wird es auch immer wieder Menschen geben, die sich einfach seltsam verhalten und wo wir selbst wirklich nicht viel dazu beigetragen haben, dass komische Situationen entstehen. In aller Regel sind wir letzten Endes aber als Menschen immer auch soziale Wesen und somit zumeist Teil des Geschehens.

Wir sind also Teil der Geschehnisse und somit auch mit-verantwortlich für unseren eigenen Ärger. In anderen Worten: Meist sind wird selbst Teil unseres Problems. Das ist erstmal gar nicht schlimm, sondern nur eine Feststellung. Ausgehend von dieser Feststellung ist es oft ein guter Anfang sich zunächst einmal auf sich selbst zurück zu ziehen. Nicht um der Mittelpunkt zu werden um den die Welt kreist und weiter in seinem Leid zu versinken und sich unverstanden zu fühlen. Sondern um ein Gefühl für sich selbst wiederzufinden oder zu entwickeln. Sich selbst kennenzulernen

Der Rückzug auf sich selbst dient auch dazu aufzuhören, um die anderen zu kreisen. Zu überlegen warum sich die anderen Personen so verhalten haben, warum die vielleicht so gemein zu einem waren und was die zugrunde liegenden Motive gewesen sein mögen. Denn das alles bringt uns nicht weiter. Das hält uns nur von uns selbst fern. Und die anderen können wir sowieso nicht ändern. Aber an uns selbst können wir arbeiten, wenn wir wollen.

Wir können also an unserem Rückzugsort überlegen, welchen Anteil man selbst zu den Geschehnissen beigetragen hat. Wir machen beim nachdenken vielleicht die Beobachtung, dass wir immer wieder in solche Konflikte kommen, in denen wir uns unverstanden fühlen. In denen wir das Gefühl haben, dass alles schief läuft und alles was wir anpacken im Chaos endet. Gerade das spricht dafür, dass es da Anteile in uns drin gibt, die uns immer wieder in solche Situationen manövrieren. Was genau das ist, kann total unterschiedlich sein. (An dieser Stelle möchte ich die Podcast-Folgen von Curse mit dem Titel "Selbstsabotage erkennen und umwandeln" (LINK) empfehlen. Da geht nicht direkt um Konflikte und den eigenen Anteil daran, sondern viel eher um die Arbeit mit sich selbst und wie man sich selbst von Zeit zu Zeit daran hindert glücklich und zufrieden zu werden, weil wir uns von inneren Glaubenssätzen irgendwie abhalten lassen. Aber das Thema ist glaube ich auch gar nicht so weit von diesem Thema hier entfernt).

Wenn du ein paar Aspekte herausgefunden hast, wie du dazu beigetragen haben könntest, dass die Situation sich genau dahin entwickelt hat wo du mit deinem Konflikt oder deiner Krise nun stehst, dann hast du einen wichtigen Punkt erreicht: Du hast verstanden, dass du nicht nur das passive Opfer in diesem Konflikt (oder auch anderen Konflikten) bist. Sondern, dass auch du in gewisserweise als Täter aufgetreten bist. Und auch das ist gar nicht schlimm. Das macht dich zu einem Menschen. Wir sind alle fühlende Wesen. Das bedeutet aber auch, dass wir nicht immer alles total super machen. Sondern, dass wir alle auch Fehler machen und anderen Menschen weh tun. Auch wenn das überhaupt nicht in unserer Absicht lag. Aber menschliche Kommunikation hat dann doch ziemlich viele Irrwege, auf denen man falsch abbiegen kann.

Wenn wir also sauer mit der Welt sind, ist es zunächst einmal absolut okay wütend zu sein. Man ist ja in einer Situation, wo man so nicht hinwollte und alles ist doof. Aber es ist auch sinnvoll sich bewusst zu machen, dass Menschen weder nur Opfer, noch nur Täter sind. Dass menschliche Kommunikation unglaublich viele Irrwege hat und es sinnvoll sein kann - trotz all des eigenen Ärgers - einen Schritt zurück zu machen und zu versuchen sich die Situation von ein paar anderen Seiten anzusehen. Wenn es dir gelingt, die generelle Problematik mit der Kommunikation im Hinterkopf zu behalten, dann wird es dir auch ziemlich sicher möglich sein, mehr Verständnis für die anderen Beteiligten deiner Konfliktsituation aufzubringen. Das soll nicht heißen, dass man alles okay finden und entschuldigen muss was passiert ist. Es soll viel mehr heißen im Hinterkopf zu behalten, dass alle Beteiligten sowohl Täter als auch Opfer sind. Alle sind quasi Teil des Problems.


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Bildquelle: https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat

Abstand und das Hinterfragen des eigenen Anteils löst dabei aber nicht unbedingt einen bestehenden Konflikt. Ich habe das auch erst kürzlich erst versucht. Habe mich bemüht meinen Anteil am Problem zu hinterfragen und zu reflektieren. Habe so einiges gefunden und es aufgeschrieben. Aber nur weil man selbst meint, etwas sortiert aufgeschrieben zu haben, sagt das ja (wie ich erfahren habe) wenig darüber aus, ob andere das so verstehen, wie man es sich selbst gedacht hat. Und da wären wir wieder bei Schulz von Thun und dem 4-Ohren-Modell. Der Sender codiert das eine und der Empfänger encodiert was anderes. Die größten Missverständnisse entstehen dabei, wenn Sender und Empfänger sich auf unterschiedlichen Inhaltsebenen befinden und vor allem auch dann, wenn der Empfänger sich zum Beispiel gefühlsmäßig in einer ganz anderen Situation befindet. Vielleicht findet sich sogar der Empfänger in einer Situation wieder, in der er sich unverstanden fühlt und das Gefühl wird dann noch verstärkt, obwohl es dem Sender eigentlich um was ganz anderes ging. Kommunikation kann manchmal echt kompliziert sein. Aber das sagte ich schon.

Aber auch wenn Abstand und Hinterfragen keinen Konflikt lösen können. So holt uns das Erkennen des eigenen Anteils doch aus unserer passiv erduldenden Opferrolle heraus. Wir sind dann in der Lage zu erkennen, dass wir sowohl Opfer als auch Täter und vielleicht auch irgendwas dazwischen zugleich gewesen sein können. Wir sind in der Lage zu erkennen, dass uns nicht nur Dinge widerfahren, sondern dass wir die Geschehnisse durch unseren Anteil auch mitgestaltet haben. Und das gibt uns ein ganzes Stück weit Selbstwirksamkeit - also den Glauben die Welt aktiv mitgehalten zu können - zurück. Wir werden wieder Handlungsfähig.

Und wir wissen am Ende etwas mehr über uns und können es besser machen. In der Zukunft.

Link zum erwähnten Podcast: Selbstsabotage erkennen und umwandeln.

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Selbsterfahrung Part 4: Selbstwert und Abschied.

Selbstwert. Wie viel Wert messe ich mir selbst bei. Wodurch lässt sich mein Selbstwert mindern und was untermauert den Wert. Und: Ist der Selbstwert nicht eigentlich unantastbar und feststehend wie der Wert eines 50 € Scheines, der eben immer 50 € wert ist, egal ob ich auf ihm herumtrample oder im Dreck bade? Warum lassen wir überhaupt zu, dass externe Einflüsse den Wert den wir uns selbst geben mindern?

So viel vorweg: das letzte Selbsterfahrungswochenende war - für mich - deutlich besser und gewinnbringender als das vorige. Das mag zum einen an einer persönlichen Situation gelegen haben, die sich seitdem geändert hat und nun weniger belastend war. Zum anderen aber sicherlich auch, weil es nun um Themen ging, die für mich persönlich gerade sehr aktuell waren. Die Arbeit mit dem Selbstwert in die ich die vorigen Monate schon einige Zeit investiert hatte und die Arbeit mit dem Thema (Tod) Trauer und Abschied.

Während es am ersten Tag eher um positive Aspekte des Selbstwertes ging, in etwa mit welchen Säulen das eigene Selbstwertgefühl untermauert wird. In der angewandten Theorie wird das Selbstwertgefühl von acht Säulen getragen
1. Selbstvertrauen mit dem Vertrauen in eigene Fähigkeiten
2. Selbstakzeptanz mit den zentralen Themen sich selbst mit allen Stärken und Schwächen annehmen zu können und einer positiven Einstellung zu sich selbst (auch zum eigenen Körper)
3. Selbstbehauptung als Fähigkeit eigene Wünsche und Bedürfnisse aber auch Werte äußern und zielgerichtet verfolgen zu können
4. persönliche Integrität als Übereinstimmung von Verhalten und eigenen Wertvorstellungen
5. emotionale Kompetenz mit der Fähigkeit zur konstruktiven Emotionsregulation
6. soziale Kompetenz wird verkörpert durch das Erleben von Kontaktfähigkeit
7. soziale Zugehörigkeit zeichnet sich aus durch die Einbindung in positive soziale Beziehungen
8. Beziehungsgestaltung schlussendlich als achtsamer und verantwortungsvoller Umgang mit sich selbst und anderen Menschen.

In einer Übung hatten wir die Möglichkeit unsere persönlichen Säulen auszufüllen. Dabei können sich die Säulen durchaus in Dicke und Material unterscheiden. Einige sind poröser und weniger tragfähig, andere dafür aber äußerst stabil und tragen sehr viel zum individuellen Selbstwertgefühl bei. In der Reflektionsrunde war es spannend zu sehen, dass viele in ähnlichen Bereichen eher noch Optimierungsbedarf sahen, dass aber bei den allermeisten doch alle Säulen in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden waren. In der Arbeit mit Patienten mag das dann aber wieder ganz anders aussehen.

In einer anderen Übung ging es nochmal fokussierter um die Wahrnehmung eigener Stärken und Schwächen in verschiedenen Bereichen. In der Gegenüberstellung wurde auch hier deutlich, dass sich jeder Mensch aus Stärken und Schwächen zusammensetzt. Es war schön sich die eigenen Stärken und Schwächen nochmals zu vergegenwärtigen.

Am zweiten Tag sind wir weiter in die Selbstwert-Thematik eingestiegen und haben unsere negativen Glaubenssätze herausgearbeitet. In der Kleingruppe war es dabei bisweilen immer wieder sehr erstaunlich durch welche negativen Glaubenssätze die anderen geplagt werden und auch die Reaktion der anderen auf die eigenen Glaubenssätze war oft von Erstaunen begleitet. Scheinbar sind andere Personen immer recht überrascht wenn sie damit konfrontiert werden was im Innern einer anderen Person teilweise so vor sich geht. In verschiedenen Übungen konnten wir Ansätze zum Umgang mit diesen negativen Glaubenssätzen ausprobieren. Mir persönlich hat es dabei besonders gut gefallen die Glaubenssätze durch den Raum hüpfend mit einer Schlagermelodie trällernd heraus zu singen. Die humoristische Defusionstechnik war - trotz des ernsten Themas - von viel Gelächter und guter Laune begleitet. In meinem Gefühl wurden die negativen Glaubenssätze ähnlich einem Irrwicht aus Harry Potter veralbert, sodass sie etwas von ihrem Schrecken und Einfluss verloren haben. Der langfristige Impact der Übung bleibt abzuwarten.

Im zweiten Themenblock ging es dann - passend zum Ende des Studiums - um Tod, Trauer und Abschied. Wie kann man damit umgehen, wenn jemand verstorben ist? Welche Möglichkeiten gibt es, wenn ein Zugehöriger eine schwere Krankheit hat, bei denen der Tod gewiss ist, oder zumindest eine im Raum stehende Wahrscheinlichkeit? Warum ist es überhaupt so wichtig, dass wir Abschied nehmen können und wie quälend kann es eigentlich sein, wenn man wichtige Dinge nie wieder klären und ansprechen kann, weil der Zugehörige einfach nicht mehr da ist?

Trauer und Abschied sind ja aber nicht nur Themen die den Tod begleiten, oder vom Tod begleitet werden, sondern sind im Grunde Themen des Alltags. Gefühlt ständig trennen sich im Umfeld Paare und plötzlich wird das Thema Trauer und Abschied hoch aktuell, obwohl niemand gestorben ist, selbst wenn ich sich bisweilen durchaus so anfühlen kann. Wie kann man Trauernde beim Abschied nehmen unterstützen? Wir haben zwar verschiedene Möglichkeiten und Ideen herausgearbeitet, aber am Ende des Tages ist das alles höchst individuell. Wichtig ist jedoch den Blick wieder nach vorn gerichtet zu bekommen. Mit dem Vergangenen abschließen zu können um neue Wege gehen zu können. Doch der Weg dahin ist langwierig und es sei wohl durchaus normal, dass dieser Prozess ein bis anderthalb Jahre dauert. Eine schlechte Nachricht für alle, die den Zustand schnell beendet haben wollen, aber eine gute für alle die an sich zweifeln, weil sie den Trauerprozess nach 6 Monaten noch nicht beendet haben. Besonders wichtig scheint - wie oben schon angesprochen - die Möglichkeit zu sein alles klären zu können. Wer sich mit einem Sterbenden gemeinsam auf den Tod hat vorbereiten können, dem wird es hinterher wahrscheinlich leichter fallen wieder neue Wege gehen zu können. Bei einer Trennung gibt es wohl eher selten die Möglichkeit das gemeinsam vorzubereiten. Hier wäre wohl eher der Umgang im Nachgang wichtig. Die Möglichkeit einräumen wichtige Fragen noch zu klären. Aber auch das geht nicht immer. Wo die Vor- und Nachbereitung nicht möglich ist, da hilft am Ende nur noch die radikale Akzeptanz. Aber das ist ja auch leichter gesagt, als getan.

Und weil wir nun am Ende des Studiums waren und Zeit hatten uns auf dieses Ende vorzubereiten haben wir uns zum Abschluss nochmal alle (also zumindest die, die noch anwesend waren) für einen Kaffee zusammengesetzt bevor wir auseinander gegangen sind. Rituale können also auch helfen beim Abschied nehmen.

Gesamtresümee:
Die Möglichkeit schon im Rahmen des Studiums ein Selbsterfahrungs-Seminar belegen zu können war für mich einer der wunderbarsten Aspekte des Studiums. Gerade wer in einem psychologischen Berufsfeld - oder eigentlich überhaupt mit Menschen - arbeiten will, kann von einem solchen Angebot profitieren. Für mich haben sich spannende Möglichkeiten ergeben mich selbst besser kennen zu lernen. Vieles wusste ich zwar schon, wurde mir aber im Rahmen des Seminars nochmals so richtig bewusst. Gerne hätte ich noch mehr solcher Wochenenden gehabt. Denn die Übung an sich selbst ist für mich mit die beste Vorbereitung um später mit Klienten achtsam umzugehen. Vor allem aber ist mir im Rahmen des Seminars sehr bewusst geworden, dass wirklich jeder irgendwelche Themen mit sich herumschleppt, was man von außen gar nicht erkennen kann. Die Selbsterfahrung ist somit auch ein guter Lehrer wenn es darum geht untereinander mehr Rücksicht und Milde walten zu lassen. Sehr schade fand ich, dass ich für den zweiten Teil eine tiefenpsychologisch orientierte Perspektive erwartet hatte, dies aber scheinbar nicht so mit unserer Dozentin kommuniziert wurde. Denn eben jene Perspektive hätte ich auch nochmal sehr spannend gefunden.

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Abendspaziergang durch die ersten Frühlingsgefühle

Gestern hatte ich das große Glück mit einer Kommilitonin - nach einem herausfordernden Tag im Selbsterfahrungsseminar - noch einen Spaziergang durch das abendliche Hamburg machen zu können. Man konnte bei milden Temperaturen schon ein wenig den Frühlings schmecken. Die Bilder geben hoffentlich wenigstens ansatzweise die tolle Stimmung wieder. Viel Spaß!

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