Bedrohung, Angst und Gewöhnung

Eine Bedrohungssituation - wie die Ausbreitung eines bis dato unbekannten Virus wie COVID-19 - verursacht zunächst einmal Angst. Das ist auch gut so. Angst schützt uns vor körperlichem, psychischen oder wirtschaftlichen Schaden. Angst warnt uns und mahnt uns vorsichtig zu sein. Im Idealfall schärfen sich unsere Sinne und wir werden sensibler für Dinge die potentiell Gefahr für uns bedeuten.

Angst zählt neben Freude, Traurigkeit, Furcht oder Ekel zu den sogenannten Grundgefühlen oder auch Basisemotionen. Paul Ekman folgend wird davon ausgegangen, dass diese Basisemotionen angeboren sind und über alle Kulturen hinweg gleichermaßen auftreten und zum Ausdruck gebracht werden. Das heißt: Egal ob du in Kanada, Deutschland, Peru, Ukraine, Australien oder Japan geboren bist, dein trauriger Gesichtsausdruck wird überall auf der Welt gleichermaßen als Trauer erkannt.

Sinn von Angstempfindungen soll sein, unseren Körper auf ein angemessenes Verhalten vorzubereiten. Wer hat nicht schon mal vom Fight-or-Flight-Mechanismus - der Kampf-oder-Flucht-Reaktion - gehört? Geprägt wurde der Begriff durch Walter Cannon als physiologische Anpassungssituation. Sie soll den Körper in die Lage versetzen der Bedrohungssituation entweder zu entfliehen oder aber in den Kampf zu gehen. Später wurde Fight oder Flight durch Freeze ergänzt. Auch das werden sicherlich viele schon erlebt haben: Die Bedrohung ist im ersten Moment so überwältigend, dass man in Bewegungslosigkeit verharrt (in der Hoffnung, dass der Grizzlybär an einem vorbei ziehen möge).

In der Verhaltenstherapie wird Ängsten und Angststörungen unter anderem mit Konfrontationen (gedanklich oder real) begegnet (—> Konfrontation und Exposition). Ein wichtiger Bestandteil dabei ist, so lange in der Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz zu verbleiben bis die Angstsymptome (Anspannung, erhöhter Puls, schwitzen, etc.) nachlassen. Es sollen so neue Verhaltensmuster gelernt werden in dem erlebt wird, dass die befürchteten Folgen ausbleiben. Das klappt natürlich nicht in nur einer Sitzung, sondern nur durch wiederholtes Durcharbeiten der angstauslösenden Situation. Einer der Wirkmechanismen der Konfrontationstherapie ist die Habituation. Sprich die Gewöhnung an den angstauslösenden Reiz und damit auch die Abnahme der (Angst-) Reaktion.

Wenn ich in den sozialen Medien die Äußerung lese, dass die Leute mittlerweile unvorsichtiger werden, dann finde ich das aus psychologischer Sicht also nicht weiter verwunderlich. Ganz im Gegenteil, dass ist sogar der natürliche Lauf der Dinge. Ein potentiell gefährlicher Virus über den wir noch nicht viel wissen breitet sich aus. Während man sich selbst vielleicht noch im Zustand der Erstarrung erlebt und hofft, dass dieser Kelch an einem selbst vorübergehen möge, werden an anderer Stelle bereits diverse Strategien entwickelt um der Bedrohung zu entgegnen. In den letzten Monaten ist einiges getan worden. Die diffuse und potentielle Bedrohung ist allerdings immer noch da. Im Sinne der Konfrontation wurden und werden wir durch soziale Medien, Politik und mediale Berichterstattung in jeglicher Form immer und immer wieder mit der Bedrohungssituation konfrontiert. Verschiedenste Szenarien werden ausgemalt. Die diffuse Bedrohung immer wieder präsentiert und aufrecht erhalten.

Man will erreichen, dass die breite Masse weiterhin achtsam bleibt. Weiterhin auf Abstand und Hygiene achtet. Man will versuchen das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu behalten. Das ist ja nun auch völlig legitim. Ja, wir müssen vorsichtig sein. Ja, wir müssen die Entwicklung und die Dynamik im Auge behalten. Wir sollten dabei auch all die anderen Lebensbereiche nicht außer Acht lassen. Das ist alles richtig und wichtig. Ein Stadium der Angst kann aber rein physiologisch bedingt nicht unbegrenzt aufrecht erhalten werden. Der Hormonausschüttung von Adrenalin und Cortisol sind physiologische Grenzen gesetzt. Irgendwann sind die hormonbildenden Stellen leer gebrannt.

Was durch die wiederholte Durcharbeitung und Aktualisierung der Bedrohungssituation in Politik und Medien aus psychologischer Perspektive folgt, ist eine Habituation. Also eine Gewöhnung an den angstauslösenden Reiz, sodass dieser immer weniger zu einer Angstreaktion führt. Die Leute gewöhnen sich an die diffuse Bedrohung durch COVID-19 und werden entspannter oder nachlässiger (je nachdem von welcher Perspektive man da jetzt ran gehen möchte). Eine Politik mit der Angst kann also nur schwerlich eine langfristig angelegte Strategie sein, die zum erwünschten Ziel führt. Dafür wäre es vermutlich nötig immer neue angstauslösenden Szenarien zu vermitteln.

Wenn nun also Menschen wie Streeck formulieren, dass es zu viel Angst gibt und dafür plädieren, dass wir alle lernen müssen mit dem Virus zu leben, dann stimme ich dieser Aussage teilweise zu. Ich gehe aus psychologischer Sicht (und ausgehend von den Modellen die ich zur Angstentstehung und Therapie von Angsterkrankungen kenne) aber davon aus, dass wir alle ein genetisch angelegtes Programm haben um mit solch langfristigen Bedrohungssituationen umzugehen. Die Angst vor einem Virus kann nur über einen begrenzten Zeitraum dazu führen, dass Kontaktbeschränkungen und andere Einschränkungen eingehalten werden. Irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht an dem sich der Großteil so sehr an die Bedrohung gewöhnt hat, dass sie kaum mehr als Bedrohung wahrgenommen wird. Sicherheitsbedürfnisse geraten zu Gunsten sozialer Bedürfnisse oder dem Bedürfnis nach Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung in den Hintergrund (—> Maslowsche Bedürfnishierarchie).

Die Frage ist jetzt nur: Wie lange dauert sowas? Und wäre es nicht sinnvoller auch politisch ein oder zwei alternative Strategien zu entwickeln die weniger auf die Aufrechterhaltung von Angst ausgerichtet sind?

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Therapeutische Partnerschaften

Wer in der Heilkunde dem therapeutischen oder beratenden Bereich tätig ist, der weiß um den Stellenwert einer guten und tragfähigen therapeutischen Beziehung. Ist die therapeutische Beziehung nicht tragfähig, dann nutzt der beste Ansatz nichts. Aber es soll heute gar nicht um Therapien und die Therapeut-Klient-Beziehung gehen. Es wird um Partnerschaften gehen. Liebesbeziehungen genauer gesagt.

Wer kennt sie nicht? Paare bei denen man das Gefühl hat, dass das Kräfteverhältnis irgendwie nicht ausgewogen ist. Sicherlich hat manch einer auch schon selbst in solch einer Beziehung gelebt. Ich kann das für mich jedenfalls bejahen. Doch was meine ich nun damit?

Wir alle entwickeln uns ja irgendwie in die eine oder andere Richtung weiter
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Gastbeitrag: Webinar Klinische Psychologie für Fernstudierende

Michaela Nißler und Ludwig Andrione haben ein Webinar entwickelt, dass sich Studierende der Psychologie richtet, denen der Fachbereich der klinischen Psychologie im Studium fehlt. Damit dürfte das Webinar für zahlreiche Fernstudierende der FernUni Hagen durchaus attraktiv sein. Neben einer Einführung in die klinische Psychologie, die Klassifikation und Diagnostik eben jener werden auch klassische Denkfehler im Zusammenhang mit psychischen Störungen adressiert. Ich glaube, das ist ganz spannend.


Bild von mmi9 auf Pixabay

Fehlt Dir auch klinische Psychologie?: Vom Fern- zum Präsenzstudium

Hi, ich bin Michaela! Ich bin Psychologin und arbeite jetzt in der Arbeits- und Organisationspsychologie sowie als Trainerin und Beraterin für verschiedene Themen wie Kommunikation und klinischen Psychologie.

Nach dem Abitur gleich zu wissen in welche Richtung es gehen soll? So ging es mir nicht und ich studierte zuerst im Wirtschaftsingenieurwesen, doch irgendwie war ich unzufrieden - war’s das nun? Wie viele von euch interessierte ich mich für Psychologie - doch ich war mir unsicher ob es wirklich das ist was ich wollte??


Wie ich vom FernStudium zum Präsenzstudium kam

„Ein FernStudium bietet Flexibilität und trotzdem viel Wissen und Kompetenz“, dachte ich mir und fing daher vor einigen Jahren an der FernUni Hagen an Psychologie zu studieren. Es gefiel mir gut, ich bleib dran und wurde mir immer sicherer, dass es das ist was ich machen möchte. Jedoch entstand der Wunsch nach praxisnahem Wissen der klinischen Psychologie.
Mich interessierte damals wie heute, welche Störungen es überhaupt gibt, wie ich sie erkenne und die Frage wann ist es überhaupt eine psychische Störung? Da ich im FernStudium darauf keine Antworten fand und mir „nur Bücher lesen“ bei diesem Thema nicht genug waren, entschloss ich mich auf eine Präsenzuni zu wechseln.


Meine praktische Erfahrung mit klinischer Psychologie

Jetzt, einige Jahre später, bin ich im psychologischen Bereich in der Berufspraxis tätig und möchte mit euch meine Erfahrungen und mein Wissen der klinischen Psychologie teilen. Sowohl in der Arbeitspsychologie, als auch im Trainingsbereich mit Gruppen und im Einzelsetting hat mir immer wieder Wissen aus der klinischen Psychologie weitergeholfen und meine Arbeit bereichert. Auch zu wissen, was kann man bei einer Krise/psychischen Erkrankung tun, wann ist es überhaupt krankhaft, denn es kann jeden treffen und oftmals kann man auch selbst etwas dagegen tun.


Eine Brise positive Psychologie

Antworten habe ich beispielsweise In der Verhaltenstherapie und in der Positiven Psychologie gefunden. Bei depressiven Tendenzen kann zum Beispiel die Übung „3 Good Things“ aus der positiven Psychologie entgegenwirken: Schreibe Dir jeden Tag drei Dinge (Kleinigkeiten!) auf, die heute für dich schön waren und was du dazu beigetragen hast.
Viel Freude mit dieser Übung!


Meine Schlussfolgerung aus all dem

Kenntnisse der klinischen Psychologie hilft mir in meiner täglichen Praxis: Bei Beratungen, Trainings und auch der Personalauswahl. Durch diese Überzeugung habe ich mit einem lieben Psychologie-Kollegen und ebenfalls FernStudium-Experte Ludwig ein Webinar für euch entwickelt. Wenn ihr wissen wollt welche psychische Störungen es gibt, wie ihr diese unterscheiden könnt und wie sie überhaupt diagnostiziert werden, seid ihr in unserem Webinar genau richtig. Also: Unser Online-Seminar zur klinischen Psychologie in der Berufs-Praxis findet am 16. und 17. Oktober statt.


Wenn Du mehr wissen willst, weitere Infos findest du unter folgendem Link:
https://www.andrione.info/webinar-klinische-psychologie/
Michaela


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Maskieren und Verweigern. Ein Rant.

Ich hab lang überlegt, ob ich überhaupt was dazu schreiben soll, denn alles was man zu diesem Thema öffentlich kund tut hat aktuell Potential für einen Shitstorm. Aus der einen oder der anderen Ecke. Aber nun mache ich es doch.

Schaut man in die sozialen Netzwerke, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Gesellschaft gespalten ist. Aufgespalten in jene, die die Maskenpflicht voll befürworten und jene, die die Masken unerträglich finden. Schaut man in sein direktes reales Umfeld sieht die Lage (hoffentlich) etwas weniger dramatisch aus und es sind mehr Graustufen zu entdecken.

Klinkt man sich auf Diskussionen bei Twitter ein mit einer kritischen Bemerkung kommt allzu häufig nur ein: Dann trag die Maske halt nicht und sei Teil des Problems. Völlig ab vom Thema und völlig fern der Realität, dass ich im Alltag meine Maske trage wenn es erforderlich ist (und noch sehr hübsche dazu, will ich meinen!). Aber das scheinen manche Menschen nicht zusammenzubringen. Das man sich an die Regeln halten kann und dennoch kritisch sein kann. Wenn man hübsche Masken trägt, ist es übrigens auch nur halb so schlimm….


Was ich sagen will: Die Diskussionen und Argumente sind mitunter völlig absurd. Ich verstehe zum Beispiel überhaupt nicht, warum man sich aus T-Shirt-Stoff zwar ohne weiteres eine Maske nähen darf und dass dann auf vollständig akzeptiert wird, wenn diese getragen wird. Aber wehe du hast deinen Lappen zu Hause vergessen und ziehst die kurzer Hand das T-Shirt über die Nase. Dann ist das völligst inakzeptabel… "Das bietet ja gar keinen Ausreichenden Schutz!". Ja ne sorry. Deine selbst genähte Einhorn-Maske oder deine mehrfach getragene Einmalmaske lassen natürlich jegliche Viren erzittern… Mal im Ernst: Für was diese Masken wirklich gut sind (und weshalb sie im OP getragen werden): Die Maske hält deine Spucketröpfchen beim Sprechen auf. Und das ist gut. Denn in den groben Tröpfchen liegt ne hohe Viruslast wenn du ne Infektion der Atemwege hast. Was diese einfachen Masken aber nicht können: Kleinstpartikel filtern. Aerosole sind super klein. Unter 5 Mikrometer nämlich (Quelle: RKI). Die Alltagsmaske, der MNS, die OP-Maske ist für diese Partikel zu grobmaschig und reicht als Atemschutz nicht aus, dafür bräuchtet ihr ne FFP-Maske (Quelle: TBRA 250). Aber das sollte mittlerweile hinlänglich gekannt sein. Also warum zur Hölle stellen sich immer noch genug Leute hin und pöbeln wegen der Aerosole rum? Die umgeben uns sowieso. Mit oder ohne Maske. Mit Maske aber weniger Spucke.

Ein weiterer Schutzaspekt: Die Maske schützt davor, sich mit kontaminierten Händen ins Gesicht zu fassen. Ja gut. Was soll ich dazu sagen? Wir verstauen unsere Einmal- oder Mehrfachmaske professionell in der Hosentasche, Handtasche oder lässig am Arm, fummeln mehrmals daran herum um den Sitz zu korrigieren, fassen uns unter die Maske, weil die Nase halt gerade juckt und gewaschen oder gewechselt werden die auch nicht unbedingt regelmäßig, wenn ich mich so umschaue. Aber klar. Die Maske schützt vor Kontamination durch die Hände. Oder halt auch nicht. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Maske unsere Hände kontaminiert wenn wir sie vor dem Supermarkt aufsetzen und wir dann mit den kontaminierten Händen den Einkaufswagen durch den Wagen manövrieren.

"Aber es geht doch darum wofür die Maske steht!". Ach ja? Für was steht sie denn? Etwa für die Einschränkung von Freiheit, Rederecht und Demokratie? Wer hat dir eigentlich diesen Floh ins Ohr gesetzt? Bill Gates mit einem seiner Mikrochips? Wenn die Maske überhaupt ein Symbol für irgendwas darstellt, dann doch wohl viel eher für den Grad der Verzweiflung und Hilflosigkeit angesichts eines Virus gegen den auch die westliche und wohlhabende Welt machtlos ist. Wir haben schlichtweg kein besseres Mittel zu unserem Schutz. Das macht die Maske noch lange zu keinem Wundermittel, denn die Alltagsmaske kann immer noch nicht viel mehr außer deine wütende Spucke auffangen, wenn du dich über deinen Sitznachbarn echauffierst, weil er die Maske unter der Nase trägst, während du dir Kirschen unter der Maske in den Mund schiebst.

Über die nachhaltige Sinnhaftigkeit des Lock-Downs den wir in Deutschland hatten kann man sicherlich streiten. Und man sollte ihn auch diskutieren. Aber welche Einschränkungen haben wir denn aktuell noch ganz konkret? Ich hab das sicherlich nicht deutschlandweit im Blick…. Aber im Grunde kann man doch so gut wie alles wieder machen. Teilweise mit anderen Bedingungen als vorher, aber das Leben ist wieder möglich. Und natürlich wünsche ich mir auch weniger Regularien. Einfach spontan wieder hingehen wo man möchte. In den Urlaub fliegen ohne zu checken, ob der Urlaubsort vielleicht gerade ein Risikogebiet ist. Essen gehen ohne sich in eine Liste einzutragen. Aber auch für all diese Maßnahmen gilt: Es ist der einigermaßen verzweifelte Versuch einem Virus etwas entgegen zu setzen wo andere Handlungsoptionen aktuell noch fehlen.

Einen weiteren Lock-Down herbei zu beschwören ist ähnlich beknackt wie zu behaupten es habe in Deutschland keinen Lock-Down gegeben. Ich glaube, jedes Mal wenn jemand behauptet, es habe keinen Lock-Down in Deutschland gegeben, dann fällt irgendwo ein insolventer Kleinunternehmer vom Stuhl. Bei den Befürchtungen und Rufen vor bzw. nach einem zweiten Lock-Down frage ich mich schon ob da überlegt wird, welche Kosten (wirtschaftlich, sozial und gesundheitlich) der erste Lock-Down verursacht hat und noch nach sich ziehen wird. Auf die Jahresabrechnung einiger Unternehmen bin ich da wirklich sehr gespannt. Mit den Corona-Maßnahmen verhält es sich doch im Endeffekt wie mit jedem Medikament: Wir brauchen davon so viel wie nötig, aber auch so wenig wie möglich.

Ich find die Maske im Alltag auch mehr als nur nervig, aber… Wo zur Hölle ist das Problem sich eine Maske aufzusetzen, wenn man seinen Einkauf erledigt? Und wo zur Hölle nochmal ist das Problem andere Leute einfach mal in Ruhe zu lassen? Ja, dann tragen manche die Maske halt unter der Nase. In aller erster Linie sieht das dumm aus, aber dann setz dich halt nicht neben diese Person, wenn du hoffst, dass die Maske auch Aerosole bei der Nasenatmung aufhalten kann. Hört doch auf andere Menschen pauschal in eine Kiste zu stopfen. "Der hat keine Maske, der ist ein Verweigerer!". Ja weißt du denn, ob der/die Mensch nicht vielleicht einen medizinischen Grund hat? Wer bist du denn, dass du dir darüber ein Urteil erlauben darfst? Fass dich doch an die eigene Nase…. Ach ne, besser nicht… Aber kümmer dich um dich selbst. Sei andern ein Vorbild für einen Umgang den du wünschst, dass man ihn mit dir selbst pflegt. Am Ende des Tages bist du die einzige Person, auf die du Einfluss hast. Fang bei dir selbst an, da hast du genug zu tun. Und hör auf dich so zu verhalten, als sei die Maske die alles entscheidende Problemlösung. Ist sie nicht. Sie ist vielmehr ein Mittel der Verzweiflung, dass vor allem dabei hilft Abstand zu halten und Tröpfchenflug zu mindern. Der Einfluss auf Aerosole ist arg begrenzt, die erreichen dich vermutlich sowieso. Mit oder ohne MNS. Also nutz doch deine Energie lieber dafür Leute anzupöbeln, die dir zu nah auf die Pelle rücken.

Natürlich darfst du alles scheiße finden, natürlich darfst du die Maske und die Maßnahmen scheiße finden. Natürlich darfst du auf die Straße gehen und protestieren. Wenn du das aber machst und auf die Corona-Eindämmungsverordnung mit Maske & Abstand scheißt, dann wunder dich aber bitte nicht, wenn deine Kritik nicht ernst genommen wird. Und vor allem: Man geht nicht mit Nazis auf die Straße. Man stellt sich ihnen entgegen, Gott verdammt!

Und an die, die sich heftig über Maskenverweigerer aufregen. Die fordern, dass man jenen medizinische Hilfe vorenthalten sollte, an die, die gar Äußerungen treffen wie: "ihr gehört mal ein paar Wochen ins KZ!". Was genau stimmt mit euch eigentlich nicht? Was genau unterscheidet euch eigentlich noch von einem Feld-Wald-Wiesen-Nazi? Merkt ihr eigentlich noch wie menschenverachtend ihr euch da äußert, wenn ihr meint entscheiden zu können/wollen welches Leben es wert ist, dass man medizinische Hilfe leistet und welches nicht?! Da könnt ich kotzen!

In der Zusammenfassung: Kümmert euch um euren eigenen Kram, seid bisschen netter zueinander (was auch bedeutet Raum für andere Perspektiven zu lassen) und stellt euch klar gegen Rechts. Nicht daneben.

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Cherry Picking und Corona.

Cherry Picking ist ein - nicht nur in der Wissenschaft - bekanntes Phänomen sich immer nur die Kirschen rauszupicken. Also das, was uns gerade in den Kram passt. Im Rahmen der sehr öffentlich-medial geführten Corona-Diskussion heißt das vor allem eines: Man sucht sich genau die Befunde raus die man a) versteht und b) die zur vorgefertigten Meinung passen. Und genau das ist es was ich in den sozialen Medien zur Zeit sehr häufig erlebe. Ein scheinbar recht unkritisches Annehmen von Informationen aus überwiegend ein- und derselben Quelle, bzw. Quellen die das eigene Meinungsgerüst stützen. Alternative Quellen und Interpretationen werden selten zugelassen und sehr schnell tot geredet mit dem Argument: "Du redest das alles klein und hast ja gar keine Ahnung." Das finde ich nicht nur schwierig, sondern sogar höchst bedenklich. Und im Folgenden will ich erklären warum. Aber zwei Dinge vorweg:

Social Distancing ist wichtig!

Zu allererst: Ich bin keine Medizinerin. Ich bin auch keine Epidemiologie, ich würde mich noch nicht einmal als Wissenschaftlerin bezeichnen. Ich habe keine Ahnung von ECMO und Intensivmedizin. Ich habe noch nicht mal sonderlich viel Ahnung von Politik. Aber als Psychologin verstehe ich was von Statistik.

Und zum zweiten: Ich halte Maßnahmen wie die Einhaltung einer sozialen Distanz, nicht krank zur Arbeit gehen und Hände waschen für unglaublich sinnvoll und eigentlich sollten diese Maßnahmen meines Erachtens keine Besonderheit darstellen, sondern den normalen menschlichen Umgang miteinander beschreiben. Und ehrlich gesagt genieße ich es sehr, dass mir beim Einkaufen niemand mehr mit seinem Einkaufswagen in die Hacken fährt oder mir ins Genick hustet. Nebenbei bemerkt wurde in Deutschland (überwiegend) ein Kontaktverbot ausgesprochen, keine Ausgangssperre. Der Hashtag #WirBleibenZuHause ist also irgendwie unpassend.

#FlattenTheCurve

Das erklärte Ziel der Maßnahmen wie dem Kontaktverbot in den meisten Teilen Deutschlands oder auch Ausgangssperren in anderen Ländern haben genau ein Ziel: Die Infektionswelle abzuflachen, sodass die Erkrankungen sich über einen längeren Zeitraum hin ziehen und das Gesundheitssystem weniger belastet wird. In Deutschland möchte man Szenarien wie in Italien oder auch Spanien vermeiden. Eine Abflachung der Kurve heißt also nichts anderes, als eine Abflachung der Kurve. Klingt trivial, scheint aber im Verständnis schwierig zu sein.

Immer wieder habe ich nach Implementierung des Kontaktverbotes Aussagen gelesen oder gehört wie: Die Maßnahmen sind unwirksam, wir haben ja weiterhin Neuinfektionen. Das ist aus mehreren Gründen eine falsche Einschätzung. Zunächst einmal gibt es eine gewisse Inkubationszeit. Wenn ich richtig informiert bin wird diese zwischen wenigen Tagen und zwei Wochen geschätzt. Eine Inkubationszeit von zwei Wochen bedeutet, dass sich die Wirksamkeit von Maßnahmen wie Kontaktverboten und Ausgangssperren erst nach 1,5 bis 2 Wochen zeigen wird. Zum anderen heißt ein "Flatten the Curve" auch NICHT, dass die Anzahl der Neuinfektionen zurück geht. Es heißt lediglich, dass die Anzahl der Neuinfektionen weniger stark zunimmt. So soll (im besten Falle) gewährleistet werden, dass wir die Zahl der schweren Verläufe mit unseren Möglichkeiten des Gesundheitssystems abfangen können.

Wissenschaft ist nicht Wahrheit

Ebenfalls trivial klingt die Aussage "Wissenschaft arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten". Sehr selten wird in der Wissenschaft mit kausalen Zusammenhängen gearbeitet. Denn das würde bedeuten, dass man mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgeht, dass ein Umstand A einen Umstand B bewirkt oder verursacht. In komplexen Geschehnissen wie einer Pandemie gibt es so unglaublich viele Einflussfaktoren, dass die Wissenschaft von Kausalitätsbeurteilungen sehr weit entfernt sein dürfte. Was in der Wissenschaft aber passiert sind Wahrscheinlichkeitseinschätzungen von Ursache-WIrkungs-Prinzipien. Aber auch diese Wahrscheinlichkeitseinschätzungen unterliegen einer gewissen Irrtumswahrscheinlichkeit. Soll heißen: Nichts ist sicher, bis es passiert ist.

Auch ein Robert-Koch-Institut und ein Hr. Drosten über den viele Menschen aktuell ihre Informationen beziehen, arbeiten mit Wahrscheinlichkeitsaussagen und Irrtumswahrscheinlichkeiten. Was in den Medien und Köpfen vieler Menschen jedoch passiert ist die Umwandlung dieser Wahrscheinlichkeitsaussagen in gültige IST-Aussagen. Und das sind sie nie gewesen. Das sind sie auch bei einem Herr Drosten nicht, der in seinem Podcast sehr bemüht darum ist, sich vorsichtig und differenziert auszudrücken. Die Informationen die in der Bevölkerung ankommen, sind dann aber zum Beispiel "Herr Drosten hat gesagt, wir sollen alle einen Mundschutz tragen.". Nein. Hat er nicht, er hat dargelegt in welchem Kontext es Sinn ergeben KANN.

Alternative Quellen reden das Problem klein

In meiner Wahrnehmung scheinen die meisten Menschen aktuell einen hohen Bedarf an Informationen zu haben. Die meisten scheinen diesen durch den Podcast von Drosten oder Quellen zu stillen die sich auf das RKI beziehen. Daran ist grundsätzlich nichts falsches. Aber wie oben bereits erwähnt: Die arbeiten auch nur mit Wahrscheinlichkeiten. Gewissheit über den Verlauf haben wir erst hinterher. Und gerade deshalb ist es so wichtig und so essentiell kritisch zu bleiben. Auch alternative Quellen zuzulassen, die noch einen etwas kritischeren Blick auf die Infektions- und Erkrankungszahlen haben. Wann haben wir denn schonmal die Wahrheit aus nur einer Quelle erfahren? Bei einer solch komplexen Situation wie wir sie aktuell vorfinden wäre es meiner Meinung nach grob fahrlässig sich nur einer Informationsquelle zu bedienen.

Grafiken sind hübsch, aber irreführend

Eine der wichtigsten Lektionen bei der Erstellung von wissenschaftlichen Arbeiten rührt aus der Zeit, als der Druck von Abbildungen und Grafiken noch sehr teuer war. Die besten grafischen Darstellungen sind die, die sparsam verwendet werden. Wer eine wissenschaftliche Arbeit erstellt, sollte sich sehr gut überlegen an welchem Punkt eine grafische Darstellung Sinn macht und dann vor allem in welcher Form. Exponentielle Grafen für die Entwicklung von Fallzahlen sind vor allem für eines gut: die Dramaturgie. Es wirkt dramatisch wenn man eine steil ansteigende bunte Linie in einem Koordinatensystem betrachtet. Ein bisschen besser sind da schon logarithmische Grafen, weil man hier wenigstens erahnen kann, dass sich die Fallzahlen einer Obergrenze nähern, wenn die Zahl der Infektionen langsam abflacht. Säulendiagramme können bei der Beobachtung des Verlaufes schon eher hilfreich sein. Aber auch dann nur, wenn die Skalierung der y-Achse passend ist. Und auch nur, wenn man die Werte, die in das jeweilige Diagramm eingehen zu irgendetwas in Bezug setzt. Im Falle von Corona wäre ein Bezug zur Einwohneranzahl vielleicht sinnvoll.

Fallzahlen sind irreführend

Insgesamt ist die Interpretation von absoluten Fallzahlen eine irreführende Informationsquelle. Denn welchen Wert hat die Information, dass es eine Packung Klopapier gibt? Man müsste wissen, wo diese Packung sich befindet. Denn es macht einen sehr erheblichen Unterschied, ob diese eine Packung der Vorrat in meinem Badezimmer ist, der Vorrat im Drogeriemarkt um die Ecke oder die letzte Packung im Umkreis von 250 km. Und genau das gleiche gilt für diese Fallzahlen.

Eine Fallzahl von 5000 Verstorbenen die in Land x mit Corona infiziert waren, sagt genau eines aus: In Land x gibt es 5000 Verstorbene die mit Corona infiziert waren. Diese Fallzahl sagt weder etwas darüber aus, ob sie auf Grund von Corona verstorben sind (denn es geht nur darum, dass sie damit infiziert waren), noch sagt sie etwas darüber aus, ob das eine "beeindruckende" Zahl ist. Beeindruckend im Sinne von: Welche Information ziehe ich daraus? Denn statistisch (nicht ethisch-moralisch!) macht es einen großen Unterschied, ob 5000 Verstorbene auf 10.000 oder 100.000 Infizierte kommen.

Dann gibt es da noch ein Problem bei der Interpretation der Fallzahlen: Bei der Zahl der Verstorbenen die mit Corona infiziert waren können wir uns recht sicher sein, dass der Wert sehr nah am wahren Wert liegt. Bei der Zahl der mit Corona infizierten lebenden Menschen aber absolut nicht. Wir sind im Endeffekt völlig im unklaren darüber wie hoch die Anzahl der Infizierten tatsächlich ist. Ich würde behaupten, dass wir am wahren Wert noch nicht mal nahe dran sind und es gibt Schätzungen, dass der wahre Wert um ein 10-faches höher liegt, als der Erhobene. Das ist wichtig! Denn mit dieser Zahl ändert sich die Einschätzung der Letalität des Virus.

Von der mangelnden Vergleichbarkeit der Länder untereinander mag ich eigentlich gar nicht anfangen. Nur so viel: Es gibt kein einheitliches Schema nach welchen Maßstäben wie Corona-(-Verdachts-)Fälle getestet oder erfasst werden. Das Vorgehen ist nicht einmal innerhalb Deutschlands einheitlich. Wie sollen da also die Länder untereinander vergleichbar sein?

Von der Wissenschaft in die Politik

Wir versuchen mit den aktuellen Maßnahmen die Anzahl der Neuinfektionen zu reduzieren. Vergleichen 'uns' dabei mit anderen Ländern und stützen 'uns' dabei auf eine sehr sehr dünne Datenbasis, weil wir keine andere haben. Und auf dieser Basis werden politische Entscheidungen getroffen. Nochmal: Ich halte es durchaus für sinnvoll die sozialen Kontakte einzuschränken. Denn wir wissen nicht wie der Virus sich verhält. Prävention ist sicherlich besser als Nachsorge. Aber mich besorgt die Alternativlosigkeit an Informationsquellen. Mich besorgen Vorstöße, welche die Grundrecht einschränken würden, die unter dem Deckmantel der Epidemie-/Pandemie-Vorsorge gesetzlich festgeschrieben werden sollen. Mich besorgt die Stilllegung ganzer Wirtschaftszweige für einen ungewissen Zeitraum, da irgendwann der Punkt kommen wird, an dem die Nachteile (die solche Einschnitte mit sich bringen) die kurzfristigen Vorteile um ein vielfaches übersteigen werden. Mich besorgt die breite Masse, die wie Schäfchen hinter politischen Entscheidungen zu stehen scheint, die auf einer sehr dünnen Datenbasis umgesetzt werden. Mich besorgt, dass erstaunlich viele Mitbürger sich als Denunzianten instrumentalisieren lassen.

Die Politik sollte kritisch bleiben

Ich kann nur schwer beurteilen, ob die aktuellen Maßnahmen in ihrem Kosten-Nutzen-Verhältnis gerechtfertigt sind. Dafür kenne ich zu wenig der Datenlage (Weil es wenig Datenlage gibt!). Ich will und wünsche und erwarte von der Politik aber schon, dass Maßnahmen, wie sie aktuell umgesetzt werden und die in der Pipeline stecken (wie die Einschränkung der Grundrecht z.B.), nur gut begründet umgesetzt werden. Und wenn ich mir alternative Quellen dazu ansehe oder auch schlichtweg nur die veröffentlichten Zahlen nehme und simpelste Statistik darauf anwende, dann hab ich daran meinen Zweifel und hinterfrage das kritisch.

Fazit

Das Fazit dieses Artikel soll also sein: Kritisch bleiben. Nicht nur eine Quelle nutzen. Weniger Grafiken angucken. Mehr an die frische Luft gehen. Und natürlich: Abstand halten.


Weiterführende Empfehlungen:



Corona-Krise: Offener Brief an die Bundeskanzlerin von Prof. Sucharit Bhakdi:
https://youtu.be/LsExPrHCHbw

Podcast von Dr. Drosten:
https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html
Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin: COVID-19: Wo ist die Evidenz?
https://www.ebm-netzwerk.de/de/veroeffentlichungen/covid-19
Multipolar-Magazin: Ein Beitrag über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Debatte
https://multipolar-magazin.de/artikel/covid-19-zwei-drei-gedanken-in-der-krise
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Nachsorge für Einsatzkräfte - Wer hilft den Helfern?

Ich arbeite nun schon eine ganze Weile in der Gesundheitsbranche. Wie viele wissen zumeist in psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereichen. Wären die damaligen Besuche im Berufsinformationszentrum irgendwie sinnvoller gestaltet gewesen und hätten wir von Seiten der Schule die eine oder andere Berufs- und Ausbildungsmesse besucht, dann hätte ich beruflich eventuell einen andere Weg eingeschlagen. Denn kurz nachdem ich mein FSJ begonnen hatte, hatte ich über das Internet Bekanntschaft mit einem gleichaltrigen Jungen gemacht der ebenfalls ein FSJ machte. Er jedoch machte dies bei den Johannitern und konnte zeitgleich eine Ausbildung zum Rettungssanitäter machen. Da war ich sehr neidisch. Informierte mich ob ich noch wechseln könne, aber das war nicht mehr möglich, da ich schon ein paar Monate der FSJ-Zeit absolviert hatte. Und irgendwie verlor ich diesen Tätigkeitsbereich dann wieder aus den Augen. Wurde Kinderkrankenschwester und dann Psychologin.

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Heute habe ich von anderer Seite ein paar Einblicke in den Alltag des Rettungsdienstes. Nicht zuletzt seit ich mich für eine Weiterbildung zur Notfallpsychologin interessiere. So erzählte mir kürzlich im privaten Rahmen jemand von Einsätzen die augenscheinlich als schwer belastend beschrieben werden können. Wir kamen weiter ins Gespräch über die potentiellen Belastungen die eine Tätigkeit als Einsatzkraft (sei es als Polizistin, Notfall- und Rettungssanitäter, Feuerwehrmensch oder ähnliche Einsatzkräfte). Über das Bewusstsein einen Beruf mit erhöhter Belastung auszuüben und damit einem höheren Risiko für akute Belastungsreaktionen und posttraumatische Belastungsstörungen ausgesetzt zu sein und auch darüber wie mit diesen potentiellen Belastungsfaktoren und den Möglichkeiten der Einsatznachsorge im Rahmen der Ausbildung umgegangen wird.

Das Ergebnis war eher ernüchternd. Mich interessierte dann wie andere Rettungskräfte die Einsatznachsorge erlebten und fragte bei Twitter herum. Obwohl meine Reichweite dort eher gering ist bekam ich eine gute handvoll an Rückmeldungen. Auffallend war, dass die Qualität und Quantität bzw. die empfundene Verfügbarkeit von Einsatznachsorge im Allgemeinen sehr abhängig zu sein scheint zum einen vom jeweiligen Landkreis und vom Hilfsanbieter auf der anderen Seite. Relativ häufig wurde benannt, dass man Nachbesprechungen unter Kollegen durchführe, dass man über den Arbeitgeber Kontakt zu Psychologen herstellen könne, die dann relativ zeitnah Termine anbieten könnten. Wesentlich seltener scheint es größere Nachbesprechungen im Team unter Leitung eines geschulten PSNV-E (psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte) Kollegen zu geben und wenn, dann eher auf Bemühungen einzelner Mitarbeiter hin. Darüber hinaus wurden auch Nachbesprechungen im Rahmen der CISM (Critical Incident Stress Management) genannt.

Zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) habe ich aktuell ein kompaktes Handbuch zu Hause liegen. In diesem werden Einsatzkräfte aber auch eher stiefmütterlich behandelt und es geht im Kern um die psychosoziale (Erst-)Versorgung und Prävention von psychischen Folgen bei Opfern und deren An- und Zugehörigen. Mit Sicherheit ein sehr breites und wichtiges Betätigungsfeld von PSNV-Mitarbeitern. In mir erwächst jedoch zunehmend der Eindruck, dass es zwar irgendwie ein Bewusstsein dafür gibt, dass Rettungskräfte einen mitunter sehr belastenden Beruf ausüben, aber dass sie sich das ja irgendwie auch selbst ausgesucht hätten und das schon irgendwie aushalten können (müssen).

Neben der Einsatznachsorge im Rahmen der PSNV wurden auch Nachbesprechungen im Rahmen des Critical Incident Stress Management (CISM) genannt. Das CISM richtet sich spezifischer an Einsatzkräfte und wird ebenfalls durch speziell geschulte Mitarbeiter angeboten. Es gibt verschiedene Formen davon die im Einzelkontakt oder in der Gruppe stattfinden und deren Dauer zwischen 10 Minuten und vier Stunden angesetzt werden. Theoretisch klingt das recht sinnvoll, in der praktischen Umsetzung scheint (nach den Rückmeldungen die mich erreicht haben) jedoch die Gefahr zu bestehen, dass so eine Gruppen-CISM-Sitzung eher dazu dient nach Einsätzen, in denen etwas schief gelaufen ist, einen Schuldigen zu suchen. In der Form ist eine Nachbearbeitung ja tendenziell eher ungünstig.

Regelmäßig stattfindende Angebote im Rahmen einer Supervision in der Gruppe wurden nicht genannt. Auf Nachfrage, ob so etwas denn gewünscht sei kamen eher zurückhaltende Rückmeldungen. Für mich entstand der Eindruck, dass nicht so ganz klar war, was regelmäßige Supervision überhaupt bedeutet. Finden Supervisionen (die sicherlich auch im Rahmen von PSNV-E und CISM stattfinden könnten) regelmäßig statt, so bietet sie den Mitarbeitern ein Forum in dem über akutere belastende Einsätze gesprochen werden kann. Es können aber auch Situationen geschildert werden die besonders gut gelaufen sind. Unabhängig von Einsatzbelastungen können hier auch anderweitige arbeitsbezogenen Belange (Führungsthemen, Einarbeitung neuer Mitarbeiter oder organisatorische Dinge, etc.) thematisiert werden. Einen wichtigen Gedanken bei Supervisionsangeboten finde ich persönlich immer: Auch, wenn ich selbst gerade keine Belastungssituation erlebt habe wegen der ich Gesprächsbedarf hätte, so gibt es doch eventuell unter meinen Kolleginnen jemanden der von einer belastenden Situation berichten möchte. Und hier kann mein Beitrag bzw. meine Perspektive dem Kollegen evtl. hilfreich bei der eigenen Gesunderhaltung sein. Regelmäßige Supervisionen sind in meinen Augen ein sehr sinnvolles Mittel zur Mitarbeiterfürsorge, Weitergabe von Praxiserfahrungen, Verbesserung der Arbeitsqualität und auch der Qualitätssicherung. Warum die Reaktionen also so verhalten bis ablehnend sind wenn es um regelmäßige Supervisionen (im Rahmen der Arbeitszeit selbstredend) geht, ist für mich nur wenig nachvollziehbar.

Die Frage, die sich aber auch stellt: Ist das alles nur so ein Gefühl, dass Rettungskräfte einer erhöhten Belastung ausgesetzt sind und damit einen erhöhten Bedarf an psychosozialer Vor- und Nachsorge haben, oder ist das eine übertriebene Fürsorge? Was sagt die Studienlage? Zugegebenermaßen habe ich keine ausführliche und tiefe Sichtung der Literatur vorgenommen, sondern mir vielmehr einen Überblick verschafft. Im Überblick scheinen die Forschungsbemühungen zu Belastungsfaktoren und Belastungserleben von Rettungsdienstmitarbeitern noch eher überschaubar zu sein.

Was ich für den deutschsprachigen Raum gefunden habe sind vor allem die Arbeiten von Hering und Beerlage (2014) sowie von Groß und Kollegen (2004). Erstere befragten 200 Rettungsdienstmitarbeiter zum Auftreten von Belastungsfaktoren. Im Vordergrund standen hier vor allem Behinderungen während der Einsätze und ungünstige Arbeitsbedingungen gefolgt von Problemen an rettungsdienstlichen Schnittstellen sowie Zeitdruck. Aber auch Situationen mit physischer Gefährdungen wurden benannt. Die Mitarbeiter wiesen zu 13 % emotionale Erschöpfung und zu 47% ein reduziertes Wirksamkeitserleben und damit erhöhte Werte auf diesen Burnout-Dimensionen auf. In der zweitgenannten Studie von Groß und Kollegen (2004) gaben von 186 Rettungsdienstmitarbeiter 23% Burnoutsymptome an. Sechs Prozent wiesen eine hohe Ausprägung posttraumatischer Symptome durch belastende Einsätze auf.

In einer relativ aktuellen und internationalen Metaanalyse von Petrie und Kollegen (2018) wurden 18 Studien inkludiert. Hier erfüllten 11% der Rettungsdienstmitarbeiter die Kriterien einer PTSD, 15 % einer depressiven Störung, 15 % einer Angststörung und 27 % für generelles Stresserleben. Im Vergleich mit der Normalbevölkerung zeigen Rettungsdienstmitarbeiter der Metaanalyse folgend somit höhere PTSD-Raten. Es gäbe jedoch Hinweise darauf, dass die PTSD-Raten über die Jahre rückläufig seien.

Auch interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer Arbeit von Cajoos und von Tavel (2017) in der Rettungsdienstmitarbeiter eine vergleichsweise hohe psychische Widerstandskraft aufweisen. Es zeigte sich in der Studie auch kein Anstieg der Widerstandskraft mit zunehmender Berufserfahrung sowie kein Geschlechtunterschied, sodass davon ausgegangen werden kann, dass Rettungsdienstmitarbeiter schon zu Beginn der Ausbildung über eine vergleichsweise hohe psychische Widerstandskraft verfügten.

Nun könnte man meinen, dass man dann nun bei der Rekrutierung zukünftiger Notfall- und Rettungssanitäterinnen ein erhöhtes Augenmerk auf die psychische Widerstandskraft legen könnte und dann vorzugsweise wie mit den höchsten Ausprägungen ausbildet um psychische Belastungsreaktionen zu minimieren. Aber das ist dann vielleicht doch etwas sehr pragmatisch und kurz gedacht. Die Studienlage unterstreicht vielmehr meinen oben ausgeführten Eindruck und Gedankengang. Rettungsdienstmitarbeiter sind diversen Belastungen ausgesetzt und gehören hinsichtlich Burnout und posttraumatischer Belastungsstörungen zu einer Risikogruppe. Daraus ergibt sich folglich ein gesteigerter Bedarf an präventiven Angeboten. Und die scheinen - glaubt man meinen privaten Unterhaltungen zu diesem Thema und der wenig wissenschaftlichen Blitzlichtumfrage bei Twitter - in der Ausbildung und dem späteren Berufsalltag von der Rettungsdienstleister erschreckend stiefmütterlich behandelt zu werden.

Einsatzkräfte, völlig egal ob Rettungsdienst, Polizei oder Feuerwehr, sind in Berufen tätig die 24/7 für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen im Einsatz sind. Sicherlich gibt es eine große Anzahl an Routineeinsätzen. Diesen Berufsständen gemein ist jedoch immer auch eine Unvorhersehbarkeit des Einsatzgeschehens. Sie wissen zumeist nur grob was sie am Unfallort erwartet und können sich nur unzureichend auf das einstellen, was sie dort möglicherweise vorfinden. Und das kann sich erstrecken von einem harmlosen Schwächeanfall bis hin zu einem Massenanfall von (Schwer-) Verletzten bei Verkehrsunfällen oder einem Zugunglück. Je länger jeder einzelne seinen Beruf ausüben kann und Freude daran hat, desto mehr Erfahrung kann er sammeln und desto routinierter und besser wird die Versorgung am Einsatzort. Es erscheint somit trivial die Arbeitsfähigkeit und psychische Gesundheit dieser Berufsgruppen zu erhalten und zu fördern. Sollte uns also nicht daran gelegen sein die Verfügbarkeit und Sichtbarkeit präventiver Angebote für Rettungsdienstmitarbeiter auszubauen?

Und abgesehen davon scheint sich hier für all jene Studierenden die auf der Suche nach einer Forschungsfrage für ihre Abschlussarbeit sind ein ganz nette Forschungslücke gefunden zu haben. ;)




Weiterführende Links/ verwendete Literatur:
Psychosoziale Notfallversorgung (Wikipedia)

Critical Incident Stress Management (Wikipedia)

Cajoos, V. & von Tavel, H. (2017).Resilienz und Kohärenzgefühl von Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitätern aus der Deutschschweiz

Groß, C., Joraschky, P., Gruss, M., Mück-Weymann, K., Pöhlmann, K. (2004)Belastung und Bewältigung im Rettungsdienst - Protektive Faktoren für Stressbewältigung und Burnout-Prävention

Hering, T. & Beerlage, I. (2004) Arbeitsbedingungen, Belastungen und Burnout im Rettungsdienst.

Nikendei, A. (2017). Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) - Praxisbuch Krisenintervention 2. Aufl.

Petrie et al. (2018) Prevalence of PTSD and common mental disorders amongst ambulance personnel: a systematic review and meta-analysis
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Seniorenresidenz

Hier würde ich mich lieber nicht so gern zur Ruhe setzen. Ist bestimmt ganz schön zugig dort. Und der Service lässt auch zu wünschen.

Ich hatte eine geliehene Kamera dabei, mit der ich mich nicht so wahnsinnig gut auskannte, aber dafür hatte ich im Anschluss ein neues Bildbearbeitungsprogramme mit dem ich hier und da ein wenig herum gespielt habe. Bildrauschen gibts heute inklusive, aber dennoch ein paar schöne Eindrücke von vorgestern.









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Lost in Hamburg

Sonntagvormittag nach dem Nachtdienst wache ich auf. Weil ich noch nicht bereit bin aufzustehen gucke ich durch mein Fenster zur Welt ins Handy und klicke mich so durch verschiedenste Bilder und Nachrichten. Ein kurzer Beitrag aktiviert mich dann doch. Im Süden Hamburgs gibt es nahe der Elbbrücken ein verlassenes Gelände, welches bald bebaut werden soll. Also doch ein Grund gefunden zu Frühstücken und das Haus zu verlassen.









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