Psycho vs. Homo

"Psychische Erkrankungen könne man nicht wie etwa Homosexualität einfach outen"

Sagte irgendein intelligenter Mensch in diesem Artikel hier: http://www.stern.de/gesundheit/anti-stigma-projekt-ich-bin-in-therapie-na-und-2134348.html

Und offenkundig hat er keine Ahnung von dem was er da sagte. Eigentlich ging es um deutsche Kopie eines amerikanischen Projektes. Ziel des Projektes ist die Ent-Stigmatisierung psychischer Erkrankungen (-->
http://www.ichbinintherapie.psystudents.org), bzw. dem schlichten Besuch bei einem Therapeuten. Nun unterliegt die deutsche Webseite gerade einer rechtlichen Prüfung, ob das datenschutzrechtlich alles soweit unbedenklich sei und ob die Betroffenen die sich dort outen sich nicht selbst mehr schaden als anderen nützen. Aber das soll hier nicht das Thema sein.

Ich bin im verlinkten Artikel über eben diesen Satz gestolpert: "Psychische Erkrankungen könne man nicht wie etwa Homosexualität einfach outen"

Ich frage mich dabei ernsthaft ob dieser Person eigentlich jemand ins Hirn gekackt hat. Denn wenn das outing bezüglich der wieauchimmer gearteten Sexualität eines nicht ist, dann einfach. Und ich würde fast behaupten, dass es so einige Menschen gibt, für die das Outing als Schwuler oder als Lesbe sehr viel schwieriger ist, als zu sagen: Du ich bin gerade wegen Depressionen in Therapie.

Wenn ich mich an mein Outing erinnere war das alles andere als einfach. Ich habe mir in der Schule im Vorfeld viel anhören müssen, weil ich so spät mit meinem ersten Freund um die Ecke kam, den ich dann auch nur hatte damit endlich mal Ruhe ist. Später folgte noch ein anderer. Aber dennoch wusste ich dass das wohl nicht mein Weg ist. Aber durch das was ich mir in den Fluren und auf dem Schulhof habe anhören müssen hatte ich Angst. Ich sah ja überall, dass es nicht normal war. Dass über 'solche' anders geredet wurde. Und nicht zuletzt habe ich unabhängig von meiner sexuellen Orientierung doch auch einige unschöne Erinnerung an die Schulzeit. Das alles macht es nicht einfach. Ich habe viele Jahre drüber nachgedacht, habe das als Problem viele Jahre mit mir rumgeschleppt, bis ich es dann eines Tages endlich öffentlich formulieren konnte. Mit schwitzigen Händen und Angst im Nacken. Glücklicherweise unbegründet. Erstaunlicherweise freuten sich alle mit mir, dass ich es endlich gesagt hatte. Weil es eh jedem klar war. Und ich habe Glück dabei gehabt. Andere haben entweder keine Wahl weil sie durch dritte geoutet werden, oder sie machen nach dem Outing negative Erfahrungen. Müssen sich Beleidigungen anhören, erfahren körperliche Gewalt, werden von den Eltern vor die Tür gesetzt.

Und das Outing als Homo machst du nicht nur einmal. Das machst du ständig. Immer wieder. Und es gibt Situationen da ist es einfacher und es gibt Situationen da ist es deutlich unangenehmer. Es gibt Situationen da muss man sich dumme Sprüche anhören, wird dumm angemacht und blöd ausgefragt. Das sind Dinge die machen ein Outing nicht einfach. Weil ich keine Lust habe mich solchen Fragen zu stellen. Weil es sich auch schlicht und ergreifend nicht gut anfühlt diskriminiert zu werden.

Was mich also ärgert an der Aussage: Es impliziert dass ein Outing einfach wäre. Ist es aber nicht. Ich sage nicht dass es einfacher wäre sich für den Therapeutenbesuch zu outen. Ich sage aber auch nicht dass ein Homo-outing einfacher wäre. Ich sage: Beides kann schwierig sein. Beides ist vermutlich auch schwierig, da beides intime Themen sind, welche die Öffentlichkeit so gesehen erstmal nichts angehen. Aber nur dadurch dass man zeigt, dass es viele von einer Sorte gibt, scheint diese Sorte zur Normalität zu werden. Und wenn etwas zur Normalität geworden ist, dann ist ein Outing nicht mehr notwendig.

und nachfolgend noch ein 'ach so einfaches' Outing eines schwulen jungen Mannes:
http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Panorama/d/5325278/outing-endet-in-katastrophe---und-wird-doch-belohnt.html


blog comments powered by Disqus