Konflikte und Streit lösen.

"Empathisch zu sein, bedeutet, die Welt durch die Augen der anderen zu sehen und nicht unsere Welt ihr ihren Augen."
- Carl Rogers


Manchmal haben wir Menschen Streit mit anderen Menschen. Das ist ganz normal und gehört dazu. Und manchmal muss man auch erst lernen, das Streit gar nichts schlimmes ist, sondern auch dazu führen kann, dass zwei oder mehrere Parteien einen Kompromiss finden, mit dem dann alle ganz gut leben können.

Menschen streiten sich oft wenn sie nicht einer Meinung sind. Gehts in der Angelegenheit nicht um persönliche Dinge denen man emotional irgendwie stark verbunden ist, dann streiten sich die Leute oft einfach nur, sind vielleicht eine Weile sauer aufeinander und dann ist (meistens) alles wieder gut. Sobald eine der streitenden Parteien jedoch aus dem Thema raus auf eine persönliche Ebene abdriftet, kann die Sache mit der Versöhnung schon schwieriger werden.

Richtig kompliziert und verfahren kann die Situation aber werden, wenn beide Parteien emotional in das Thema verstrickt sind. Dann bleibt es oft kaum aus, dass der Streit (neben dem dass er sehr emotional geführt wird) auch auf einer persönlichen und damit potentiell verletzenden Ebene stattfindet. Am Ende gibt es in der Regel Verletzte auf beiden (bzw. allen Seiten, wenn mehrere beteiligt sind). Das liegt zum einen an der Natur eines Streits: Man streitet sich - wie bereits gesagt - weil man nicht einer Meinung ist. Aber man könnte dann ja auch - losgelöst von allen Emotionen - sagen, dass man da halt nicht einer Meinung ist, es dabei belassen und auseinander gehen. Nun scheint es aber in der Natur des Menschen zu liegen, dass er glaubt, sein Standpunkt wäre der richtigere und den Konfliktpartner davon überzeugen will. Und dann kommt noch dazu, dass man sich in seinem Standpunkt und seiner Sichtweise der Dinge nicht verstanden fühlt. Und genau da liegt vielleicht die eigentliche Kränkung, der Punkt der uns verletzt: Wir fühlen uns unverstanden.

Nun haben wir gestritten. Sind emotional aufgewühlt, weil uns der andere nicht versteht. Sind verletzt, weil vielleicht Dinge passiert sind, die uns verletzt haben. Und sind in einem gewissen Ausmaß störrisch, weil der andere sich ja so unglaublich blöd und daneben benommen hat. Das so ein Konflikt und dessen Auswüchse nicht nur das Produkt eines Einzelnen, sondern beider Parteien ist, das vergessen wir ganz gerne mal. Erst wenn wir ein bisschen Abstand zum Geschehen bekommen haben, emotional wieder etwas runter gekocht sind und vielleicht auch mit anderen über das ganze Drama geredet haben, kommen wir vielleicht ganz langsam auf die Idee: "Hm, vielleicht war nicht nur der/die andere blöd zu mir, sondern ich auch zu ihm/ihr?"

Jetzt kommt es natürlich drauf an, ob es vor dem Streit schon eine Geschichte gab und der Bogen mit diesem Mal schlichtweg überspannt wurde. Es kommt auch darauf an wie stark die Bindung zu diesem Menschen war bzw. ist. Will man diese Person auch in Zukunft weiter in seinem Leben haben und an seinem Leben teilhaben lassen? Aber wie biegt man das dann wieder hin?

Meiner Meinung nach müssen verschiedene Dinge dafür passieren:

1. Der eigenen Verletzung Raum geben.
Ein Bewusstsein dafür bekommen, dass man verletzt ist von was auch immer der andere Mensch getan hat. Und im nächsten Schritt ein Bewusstsein dafür kriegen, was einen eigentlich so sehr verletzt hat. Warum das wichtig ist? Weil ihr dann von der Ebene der andere ist so doof und benimmt sich nur daneben weg kommt. Weil ihr dann erstmal ganz bei euch seid und euch selbst den Trost dafür geben könnt, dass euch das, was passiert ist, weh getan hat. Es geht hierbei nicht darum in Selbstmitleid zu versinken und sich selbst zu betrauern, dass alle so gemein zu dir sind. Es geht darum herauszufinden, das dir etwas weh getan hat und was genau das war. Und diesem Gefühl auch entsprechenden Raum einzuräumen, dass es gerade da sein darf.

2. Die andere Konfliktpartei ist auch verletzt.
Nachdem du nun weißt, dass dir das was dein Konfliktpartner getan hat, oder wie er/sie mit dir umgegangen ist weh getan hat, versuche dir nun bewusst zu machen, dass es deinem Gegenüber ziemlich sicher genau so geht. Das er/sie ebenfalls verletzt ist von dem was du vielleicht getan hast. Denn wäre es nicht so, dann wäre der Streit nicht so emotional geworden und eskaliert. Überlege dir mit was du deinen Gegenüber verletzt haben könntest. Rufe dir vielleicht in Erinnerung wie der Streit abgelaufen ist, bzw. wie es dazu kam. Und auch was im Vorfeld vielleicht schon passiert ist, was eine gewisse Grundanspannung, sowohl in dir, als auch in deinem Gegenüber, verursacht haben könnte. Wenn du noch keine Idee davon hast, was von deiner Seite aus verletzend gewesen sein könnte, dann kannst du auch wilde Hypothese dazu aufstellen. Oft hilft es auch mit Freunden/Familie über den Streit zu reden und explizit danach zu fragen, was den anderen verletzt haben könnte. Aussenstehende können einem oft eine andere Perspektive vermitteln, wenn man selbst das Gefühl hat, dass einem das im Moment gerade schwer fällt. Mache dir bewusst, dass die Verletzung deines Konfliktpartners ebenso eine Daseins-Berechtigung hat wie deine eigene.

3. Perspektivwechsel
Sobald du deinen eigenen Gefühlen zum Streit Raum gegeben hast und du versucht hast rauszufinden was genau dir so weh getan hat, bist du über das schlichte Ich bin jetzt sauer Gefühl hinaus gegangen. Du hast eine Perspektive für dich selbst einnehmen und Verständnis für dich selbst aufbringen können. Das ist gut. Löst aber euren Konflikt nicht. Denn bleibst du in dieser Position und beharrst darauf, dass der andere dich verletzt hat, kreist du egozentrisch weiter um dich selbst. Und eins kann ich schonmal verraten: Das wird auf der Gegenseite für weiteren Frust sorgen. Deshalb ist der zweite Schritt so wichtig. Hier machst du dir erstmal bewusst, dass es dem/der anderen sehr sicher ganz ähnlich geht wie dir. Du bemühst dich um einen Perspektivwechsel. Und daher auch das obige Zitat. Du kannst die Perspektive - und damit Verletzung und/oder Kränkung - des anderen nur sehen, wenn du versuchst die Welt und den Streit aus dessen Augen zu sehen.

4. Perspektivwechsel = Stimmungswechsel
Hier gibt es gerade aktiv gar nichts zu tun. Du wirst wahrnehmen, dass Teile deines Ärgers bereits verraucht sind, weil du neben deiner eigenen Wahrnehmung durch den Perspektivwechsel auch Einblicke in die Sicht des anderen erhalten hast. Du kannst nun - zumindest in Teilen - nachvollziehen, was beim anderen Verletzungen ausgelöst hat. Du hast Empathie gezeigt und kannst nun neben Mitgefühl für dich selbst auch Mitgefühl für den anderen Menschen aufbringen.

5. Wir sind alle eine Beta-Version.
Möglicherweise bist du trotz Wertschätzung deiner eigenen Gefühle und Verständnis für deinen Gegenüber jetzt aber immer noch sauer, weil dich etwas was in diesem Streit passiert ist sehr gekränkt hat. Sicher hätte man auf beiden Seiten im Nachhinein besser agieren können und sich anders verhalten können. Hätte, hätte… ihr kennt das. Wenn das so ist: Mach dir klar, dass jeder einzelne von und in jeder einzelnen Situation immer nur die Beta-Version seiner selbst ist. Hinterher wissen wir natürlich alles immer besser, hinterher sind wir nämlich immer etwas schlauer bzw. zumindest um eine Erfahrung reicher. In der spezifischen Situation handelt jeder Mensch genau so wie es ihm zum gegebenen Zeitpunkt gerade möglich ist. Jeder versucht die beste Balance zwischen Selbstschutz und Mitgefühl für den Gegenüber aufzubringen. (Also zumindest dann, wenn man es nicht bewusst darauf auslegt die andere Seite absichtlich zu verletzen). Wir alle geben unser Bestes. Und manchmal greifen wir in der Auswahl unserer Strategien ganz schön daneben und es kommt ein Ergebnis dabei raus, das eigentlich keiner so haben wollte.

6. Sei offen.
Offenheit ist ein wichtiges Gut in jeder intakten Beziehung. Und damit meine ich nicht nur die Offenheit im Sinne von: Seid bitte ehrlich zu den Menschen die euch wichtig sind bzw. seid bitte in allererster Linie ehrlich zu euch selbst, weil ihr nur dann auch ehrlich zu anderen sein könnt. Nein, ich meine damit auch: Seid offen für den anderen. Seid offen für dessen Perspektive, seid offen für dessen Wahrnehmung der Welt. Und wenn ihr dieses große Kunststück hinkriegt - und das ist echt nicht einfach, wenn man selbst gerade noch im Ärger drin steckt und im Modus "soll doch der andere auf mich zukommen, der hat sich ja schließlich blöd benommen" ist - dann seid ihr der Konfliktlösung ein großes Stück näher.

Ich würde ja jetzt noch sagen: Macht Kompromisse! Aber ganz ehrlich: Wenn ihr soweit seid, dass ihr euren Gefühlen eine Daseins-Berechtigung eingeräumt habt, ohne dabei ins Selbstmitleid abzudriften, wenn ihr es geschafft habt Verständnis für die Verletzungen des anderen aufzubringen, wenn ihr euch bewusst macht, dass jeder das Beste gibt, aber manchmal eben daneben tritt, dann kommt der Kompromiss vermutlich ganz von alleine. Und manchmal geht es auch gar nicht um eine Kompromissfindung. Oft genug habe ich es erlebt, dass es schlichtweg darum geht, die Sichtweise des anderen nachzuempfinden, glaubhaft zu versichern, dass dessen Gefühle eine Berechtigung haben, einzuräumen, dass man sich selbst vielleicht auch hier und da nicht ganz so glücklich verhalten hat.

Manchmal ist es sehr schwierig aus seinem Ärger rauszukommen. Man beharrt weiterhin auf der Position "ich hab alles richtig gemacht" oder "der andere ist mit dem was er gemacht hat im Unrecht". Das ist nicht weiter schlimm. Es ist furchtbar schwierig von seinem eigenen Ärger Abstand zu nehmen. Insbesondere dann, wenn er sehr intensiv ist. Es braucht Übung. Aber in aller Regel gibt es nicht den einen Bösewicht. Für jeden Konflikt braucht es mehr als eine Person (ausser für den Konflikt mit sich selbst, aber das ist ein ganz anderes riesengroßes Thema). Soll heißen: Auch wenn der andere sich noch so blöd benommen hat. Dein Verhalten war vielleicht auch nicht das Allerbeste. Aber das ist nicht schlimm. Wir sind alle immer nur eine Betaversion. Und wir werden alle Erwachsen damit wir nicht nur zu unseren Stärken stehen, sondern uns (und anderen) auch unsere Schwächen und damit Fehler eingestehen können. Es ist menschlich Fehler zu machen.

Wie löst ihr Konflikte bzw. wie geht ihr damit um wenns mal richtig gekracht hat?

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