Scheinheiligkeit von Studenten der Psychologie

Ja, ich studiere Psychologie.
Nein, ich werde nicht Therapeut.
Mit einem Psychologiestudium kann man auch in andere berufliche Bereiche vorstoßen. Ja, im Ernst.

Nein, ich bin kein Superheld.

Was mich dazu veranlasst, das so zu verdeutlichen?

Einige meiner Mitstudenten scheinen es wohl so zu sehen, dass man sich als angehender Psychologe wohl irgendwie anders verhalten müsse, als der Otto-Normal-Bürger. Da wir ja wohl merken würden, wenn da einer eher einfach strukturiert ist, oder krank, oder verbohrt, oder wasauchimmer. Man würde im Studium ja die Kompetenzen dazu erlernen mit solchen Situationen umzugehen. Blablabla. Ich finde das alles ein wenig überheblich und anmaßend. Aber noch viel mehr empfinde ich das als selbstschädigend, da hier eine Abgrenzung zwischen Berufs- und Privatleben fehlschlägt, oder auch nicht vorhanden ist.

Abgesehen davon mache ich keine Therapeutenausbildung, in der ich mir wirklich Techniken aneigne, die ich dann im zwischenmenschlichen Kontakt anwenden könnte. Ich studiere Psychologie. Das heißt ich lerne Grundlagen. Grundlagen der Biologie, Statistik und der Psychologiegeschichte. Grundlagen der Entwicklung und der Testkontruktion. Den meisten Anwendungsbezug habe ich vermutlich, wenn ich mal wieder eine der unzähligen Studien lesen darf, die so zum Lernstoff dazugehören.

Ja ich lerne wie Wahrnehmung funktioniert und wie sich das Denken entwickelt. Ich lerne auch was es für Interventionsmöglichkeiten gibt. Ich lernte bisher aber nicht wie ich sie anwenden kann.

Ich bin ein Mensch mit mehreren Identitäten. Ich habe eine Arbeitsidentität, eine Freizeitidentität und einer Studentenidentität, welche sich wohl zur Psychologenidentität entwickeln wird. Meine Arbeitsidentität macht sich in meiner Freizeit bemerkbar, wenn mir jemand entgegenkommt, der offenbar psychisch grade etwas labil ist. Das ist schon ein Automatismus und lässt sich kaum verhindern. Das ist auch normal soweit. Wer sich gerade aus einer Beziehung getrennt hat, sieht häufig überall nur noch Pärchen. Allerdings nutzte ich meine Arbeitsidentität in der Freizeit nicht um mit meinen Freunden so zu reden, wie ich es mit meinen Patienten tue. Ich verhalte mich auch auf der Arbeit nicht so als ob ich unter Freunden wäre.

In meiner Freizeit möchte ich ohne jeden Stress diejenige sein, die ich bin. Ich möchte mir da nicht ständig überlegen müssen, wie ich was jetzt genau formuliere, damit es auch ja nicht falsch verstanden wird. Der Mensch an sich ist emotional. Und wenn er sich immer erst überlegen muss, wie er reagieren soll und darf, dann wird er krank.

Warum also, sollte ich mich meinen Mitmenschen gegenüber anders verhalten, nur weil ich jetzt Psychologie studiere? Von einem Studenten der Maschinenbau studiert, erwartet ja wohl auch keiner, dass der zu Hause das Radio repariert, oder?
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