Essstörungen.

Ich hab ja letztens irgendwann behauptet, ich würde in unregelmäßigen Abständen Artikel zu ausgewählten psychischen Erkrankungen hier einstellen. Heute ist es mal wieder soweit.

Thematisch möchte ich heute einen kurzen Überblick über die heterogene Welt der Essstörungen geben. Aus einem einfachen (und persönlichen) Grund: Am Donnerstag schreibe ich eine Klausur, die unter anderem dieses Themengebiet abdeckt und was soll ich sagen…. Ich esse zwar gern, aber Essstörungen sind wirklich nicht mein Lieblingsthema. Folglich kann ich mir alles was dazu gehört nur schlecht merken. Irgendwie finde ich nur schwer einen Bezug dazu, obwohl die möglichen Ursachen - sodann man sie aus einem psychodynamischen Blickwinkel betrachtet - durchaus logisch und nachvollziehbar sind.

Zunächst die Frage: Welche Arten von Essstörungen kann man unterscheiden (bzw. welche werden hier im Folgenden unterschieden? Im großen und ganzen sind die relevanten, respektive häufigen, Störungen die Anorexie, die Bulimie und die Binge-Eating-Störung.

Die Anorexie. Genauer gesagt: Anorexia nervosa. Die Betroffenen haben mit einem BMI unter 17,5 ein deutliches Untergewicht, welches sie auf verschiedenen Wegen (Vermeidung hochkalorischer Speisen, selbst herbeigeführtes Erbrechen und/oder Abführen oder auch übermäßige körperliche Aktivität) selbst herbei geführt haben. Im Zentrum steht bei dieser Erkrankung eine sogenannte Körperschemastörung mit der Angst zu dick zu sein, obwohl ein deutliches Untergewicht besteht. Als Folge des restriktiven Essverhaltens und damit einer Mangelernährung mit wichtigen Nährstoffen können pubertäre Entwicklungsschritte verzögert werden, aber auch das Hirn- und Muskelvolumen nimmt ab. Die Patienten selbst klagen häufig über Reizbarkeit, Unruhe und Konzentrationsstörungen, aber auch über Obstipation mit Völlegefühl.

Die Bulimia nervosa (kurz: Bulimie) kann eine mögliche Entwicklung aus der Anorexie heraus sein, aber auch für sich allein auftreten. Im Vordergrund stehen Ängste vor Gewichtszunahme (häufig bei Normalgewicht), welche die Patienten versuchen mit restriktivem Essverhalten in den Griff zu bekommen. Jedoch wird das restriktive Essverhalten durchbrochen von Heißhungerattacken. Diese wiederum führen zu den eben beschriebenen Ängsten vor Gewichtszunahme und Schuldgefühlen, deren Spannung mit selbst herbei geführtem Erbrechen gelöst wird. Der Tagesablauf der Betroffenen ist dabei geprägt von Gedanken an Essen und Essanfälle werden erst dann unterbrochen wenn Bauchschmerzen, Erschöpfung oder andere äußere Umstände eintreten.

Die Anorexie und die Bulimie unterscheiden sich nun vor allem darin, dass bei der Anorexie der Wunsch im Vordergrund steht abzunehmen und dies versucht wird mit einem stark kontrollierten (zwanghaft anmutenden) Essverhalten zu erreichen. Bei der Bulimie steht hingegen der Wunsch im Vordergrund nicht zunehmen zu wollen, nachdem durch Heißhungerattacken die Kontrolle verloren wird. Während Patienten mit Bulimie häufig einen großen Leidensdruck angeben, berichten anorektische Patienten eher seltener von einem persönlichen Leidensdruck

Im Rahmen der Binge-Eating Störung kommt es ebenfalls wiederholt zu Heißhungerattacken, wie bei der Bulimia nervosa beschrieben, jedoch werden keine gegenregulierenden Maßnahmen eingeleitet. In der Folge kommt es meist zu (starkem) Übergewicht, bzw. Adipositas. Adipositas meint die übermäßige Vermehrung von Körperfett und lässt sich ab einem BMI von über 30 in verschiedene Schweregrade einteilen. Jedoch zählt die Adipositas nicht zu den psychischen Störungen. Die Binge-Eating Störung jedoch schon.

Ein generelles diagnostisches Problem ist, dass die Häufigkeit bei Männern (auf Grund der Diagnosekriterien die sich vor allem an Frauen ausrichten) unterschätzt wird. Männer zeigen häufig ein anderes Gewichtsideal und zeigen beispielsweise ein pathologisches Verhalten hinsichtlich ihres Muskelaufbaus.

Zu Beginn habe ich den psychodynamischen Blickwinkel angesprochen auf den ich jetzt noch kurz eingehen möchte. Während das restriktive Essverhalten der Anorexie zum einen als Hilferuf nach Liebe, Geborgenheit (kümmer dich um mich! Fütter mich!) und Anerkennung (schau wie diszipliniert ich bin!) kann das restriktive und kontrollierte Essverhalten als Beweis für Kontrolle über den Körper und letzten Endes als Sieg über sich selbst und Sieg über das Mittelmaß interpretiert werden. Letzt genanntes entbehrt nicht einer gewissen narzisstischen Komponente. Beginnt die Essstörung vor Einsetzen oder zu Beginn der Pubertät bleibt die Entwicklung der körperlichen Reife unter Umständen aus bzw. verzögert sich. Dies ist Grund zur Annahme, dass die Betroffenen sich durch die Symptomatik vor den Anforderungen des Erwachsenenlebens, aber auch des Sexuallebens und anderen Leistungsanforderungen, schützen wollen (platt gesagt: Wenn ich nicht zur Frau werde, muss ich keinen Sex haben.). Im Bereich der Adipositas bzw. der Binge-Eating Disorder wird davon ausgegangen, dass bei den Patienten ein depressiver Grundkonflikt (ein Begriff den ich jetzt erstmal nicht weiter erkläre) besteht, der dann oral verarbeitet wird. Das Selbst (bzw. die Person) bekommt vom Objekt (einer andere Person) emotional nicht das was sie braucht. Gewisse emotionale Bedürfnisse werden also nicht befriedigt. Das führt zu einer unsicheren Bindung des Selbst an das Objekt. In der Folge wird - um die innere Stimmungslage zu regulieren und emotionale Bedürfnisse zu befriedigen - alles einverleibt was da ist (Es egal was es ist, Hauptsache es macht satt!).

Das mag sich nun auf den ersten Blick vielleicht etwas konstruiert anhören. Wenn man aber häufiger mit dieser Patientengruppe zu tun hat, kommt man (meiner Meinung nach) nicht umhin anzuerkennen, dass diese psychodynamisch-tiefenpsychologischen Aspekte durchaus ihre Berechtigung haben.

Essstörungen sind ein ernstzunehmendes Problem. Bis zu 20% der Anorexien verlaufen tödlich und nur knapp die Hälfte der Patienten wird wieder gesund. Vor allem die körperlichen Folgeschäden werden dabei zum Problem. Neben Verletzungen im Mund-, Rachen- und Speiseröhrenbereich durch wiederholtes Erbrechen sind vor allem Herz- und Nierenschäden durch Mineral- und Nährstoffmangel hochgefährlich. Nicht zuletzt nimmt durch den Eiweißmangel auch noch die Muskel- und Hirnmasse ab, dies ist jedoch bei Wiederaufnahme eines normalen Essverhaltens reversibel.

Neben diesen Dreien gibt es noch weitere Essstörungen. Vor allem unter dem Etikett "Atypische Essstörungen" wird ein Großteil der Diagnosen vergeben. Das Problem hierbei: Die Diagnose der atypischen Essstörungen fällt unter eine sogenannte Restekategorie. Und für Restekategorien gibt es keine spezifischen Behandlungspläne.

Und nachdem ich das nun alles runtergeschrieben habe, habe ich immerhin festgestellt, dass ich doch gar nicht so wenig über Essstörungen weiß und das für die Klausur eventuell auch ausreichen könnte.

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