Selbsterfahrung Part 4: Selbstwert und Abschied.

Selbstwert. Wie viel Wert messe ich mir selbst bei. Wodurch lässt sich mein Selbstwert mindern und was untermauert den Wert. Und: Ist der Selbstwert nicht eigentlich unantastbar und feststehend wie der Wert eines 50 € Scheines, der eben immer 50 € wert ist, egal ob ich auf ihm herumtrample oder im Dreck bade? Warum lassen wir überhaupt zu, dass externe Einflüsse den Wert den wir uns selbst geben mindern?

So viel vorweg: das letzte Selbsterfahrungswochenende war - für mich - deutlich besser und gewinnbringender als das vorige. Das mag zum einen an einer persönlichen Situation gelegen haben, die sich seitdem geändert hat und nun weniger belastend war. Zum anderen aber sicherlich auch, weil es nun um Themen ging, die für mich persönlich gerade sehr aktuell waren. Die Arbeit mit dem Selbstwert in die ich die vorigen Monate schon einige Zeit investiert hatte und die Arbeit mit dem Thema (Tod) Trauer und Abschied.

Am ersten Tag ging es eher um positive Aspekte des Selbstwertes. Zum Beispiel mit welchen Säulen das eigene Selbstwertgefühl untermauert wird. In der im Seminar angewandten Theorie wird das Selbstwertgefühl von acht Säulen getragen:
1. Selbstvertrauen mit dem Vertrauen in eigene Fähigkeiten
2. Selbstakzeptanz mit den zentralen Themen sich selbst mit allen Stärken und Schwächen annehmen zu können und einer positiven Einstellung zu sich selbst (auch zum eigenen Körper)
3. Selbstbehauptung als Fähigkeit eigene Wünsche und Bedürfnisse aber auch Werte äußern und zielgerichtet verfolgen zu können
4. persönliche Integrität als Übereinstimmung von Verhalten und eigenen Wertvorstellungen
5. emotionale Kompetenz mit der Fähigkeit zur konstruktiven Emotionsregulation
6. soziale Kompetenz wird verkörpert durch das Erleben von Kontaktfähigkeit
7. soziale Zugehörigkeit zeichnet sich aus durch die Einbindung in positive soziale Beziehungen
8. Beziehungsgestaltung schlussendlich als achtsamer und verantwortungsvoller Umgang mit sich selbst und anderen Menschen.

In einer Übung hatten wir die Möglichkeit unsere persönlichen Säulen auszufüllen. Dabei können sich die Säulen durchaus in Dicke und Material unterscheiden. Einige sind poröser und weniger tragfähig, andere dafür aber äußerst stabil und tragen sehr viel zum individuellen Selbstwertgefühl bei. In der Reflektionsrunde war es spannend zu sehen, dass viele in ähnlichen Bereichen eher noch Optimierungsbedarf sahen, dass aber bei den allermeisten doch alle Säulen in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden waren. In der Arbeit mit Patienten mag das dann aber wieder ganz anders aussehen.

In einer anderen Übung ging es nochmal fokussierter um die Wahrnehmung eigener Stärken und Schwächen in verschiedenen Bereichen. In der Gegenüberstellung wurde auch hier deutlich, dass sich jeder Mensch aus Stärken und Schwächen zusammensetzt. Es war schön sich die eigenen Stärken und Schwächen nochmals zu vergegenwärtigen.

Am zweiten Tag sind wir weiter in die Selbstwert-Thematik eingestiegen und haben unsere negativen Glaubenssätze herausgearbeitet. In der Kleingruppe war es dabei bisweilen immer wieder sehr erstaunlich durch welche negativen Glaubenssätze die anderen geplagt werden und auch die Reaktion der anderen auf die eigenen Glaubenssätze war oft von Erstaunen begleitet. Scheinbar sind andere Personen immer recht überrascht wenn sie damit konfrontiert werden was im Innern einer anderen Person teilweise so vor sich geht. In verschiedenen Übungen konnten wir Ansätze zum Umgang mit diesen negativen Glaubenssätzen ausprobieren. Mir persönlich hat es dabei besonders gut gefallen die Glaubenssätze durch den Raum hüpfend mit einer Schlagermelodie trällernd heraus zu singen. Die humoristische Defusionstechnik war - trotz des ernsten Themas - von viel Gelächter und guter Laune begleitet. In meinem Gefühl wurden die negativen Glaubenssätze ähnlich einem Irrwicht aus Harry Potter veralbert, sodass sie etwas von ihrem Schrecken und Einfluss verloren haben. Der langfristige Impact der Übung bleibt abzuwarten.

Im zweiten Themenblock ging es dann - passend zum Ende des Studiums - um Tod, Trauer und Abschied. Wie kann man damit umgehen, wenn jemand verstorben ist? Welche Möglichkeiten gibt es, wenn ein Zugehöriger eine schwere Krankheit hat, bei denen der Tod gewiss ist, oder zumindest eine im Raum stehende Wahrscheinlichkeit? Warum ist es überhaupt so wichtig, dass wir Abschied nehmen können und wie quälend kann es eigentlich sein, wenn man wichtige Dinge nie wieder klären und ansprechen kann, weil der Zugehörige einfach nicht mehr da ist?

Trauer und Abschied sind ja aber nicht nur Themen die den Tod begleiten, oder vom Tod begleitet werden, sondern sind im Grunde Themen des Alltags. Gefühlt ständig trennen sich im Umfeld Paare und plötzlich wird das Thema Trauer und Abschied hoch aktuell, obwohl niemand gestorben ist, selbst wenn ich sich bisweilen durchaus so anfühlen kann. Wie kann man Trauernde beim Abschied nehmen unterstützen? Wir haben zwar verschiedene Möglichkeiten und Ideen herausgearbeitet, aber am Ende des Tages ist das alles höchst individuell. Wichtig ist jedoch den Blick wieder nach vorn gerichtet zu bekommen. Mit dem Vergangenen abschließen zu können um neue Wege gehen zu können. Doch der Weg dahin ist langwierig und es sei wohl durchaus normal, dass dieser Prozess ein bis anderthalb Jahre dauert. Eine schlechte Nachricht für alle, die den Zustand schnell beendet haben wollen, aber eine gute für alle die an sich zweifeln, weil sie den Trauerprozess nach 6 Monaten noch nicht beendet haben. Besonders wichtig scheint - wie oben schon angesprochen - die Möglichkeit zu sein alles klären zu können. Wer sich mit einem Sterbenden gemeinsam auf den Tod hat vorbereiten können, dem wird es hinterher wahrscheinlich leichter fallen wieder neue Wege gehen zu können. Bei einer Trennung gibt es wohl eher selten die Möglichkeit das gemeinsam vorzubereiten. Hier wäre wohl eher der Umgang im Nachgang wichtig. Die Möglichkeit einräumen wichtige Fragen noch zu klären. Aber auch das geht nicht immer. Wo die Vor- und Nachbereitung nicht möglich ist, da hilft am Ende nur noch die radikale Akzeptanz. Aber das ist ja auch leichter gesagt, als getan.

Und weil wir nun am Ende des Studiums waren und Zeit hatten uns auf dieses Ende vorzubereiten haben wir uns zum Abschluss nochmal alle (also zumindest die, die noch anwesend waren) für einen Kaffee zusammengesetzt bevor wir auseinander gegangen sind. Rituale können also auch helfen beim Abschied nehmen.

Gesamtresümee:
Die Möglichkeit schon im Rahmen des Studiums ein Selbsterfahrungs-Seminar belegen zu können war für mich einer der wunderbarsten Aspekte des Studiums. Gerade wer in einem psychologischen Berufsfeld - oder eigentlich überhaupt mit Menschen - arbeiten will, kann von einem solchen Angebot profitieren. Für mich haben sich spannende Möglichkeiten ergeben mich selbst besser kennen zu lernen. Vieles wusste ich zwar schon, wurde mir aber im Rahmen des Seminars nochmals so richtig bewusst. Gerne hätte ich noch mehr solcher Wochenenden gehabt. Denn die Übung an sich selbst ist für mich mit die beste Vorbereitung um später mit Klienten achtsam umzugehen. Vor allem aber ist mir im Rahmen des Seminars sehr bewusst geworden, dass wirklich jeder irgendwelche Themen mit sich herumschleppt, was man von außen gar nicht erkennen kann. Die Selbsterfahrung ist somit auch ein guter Lehrer wenn es darum geht untereinander mehr Rücksicht und Milde walten zu lassen. Sehr schade fand ich, dass ich für den zweiten Teil eine tiefenpsychologisch orientierte Perspektive erwartet hatte, dies aber scheinbar nicht so mit unserer Dozentin kommuniziert wurde. Denn eben jene Perspektive hätte ich auch nochmal sehr spannend gefunden.

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