Bedrohung, Angst und Gewöhnung

Eine Bedrohungssituation - wie die Ausbreitung eines bis dato unbekannten Virus wie COVID-19 - verursacht zunächst einmal Angst. Das ist auch gut so. Angst schützt uns vor körperlichem, psychischen oder wirtschaftlichen Schaden. Angst warnt uns und mahnt uns vorsichtig zu sein. Im Idealfall schärfen sich unsere Sinne und wir werden sensibler für Dinge die potentiell Gefahr für uns bedeuten.

Angst zählt neben Freude, Traurigkeit, Furcht oder Ekel zu den sogenannten Grundgefühlen oder auch Basisemotionen. Paul Ekman folgend wird davon ausgegangen, dass diese Basisemotionen angeboren sind und über alle Kulturen hinweg gleichermaßen auftreten und zum Ausdruck gebracht werden. Das heißt: Egal ob du in Kanada, Deutschland, Peru, Ukraine, Australien oder Japan geboren bist, dein trauriger Gesichtsausdruck wird überall auf der Welt gleichermaßen als Trauer erkannt.

Sinn von Angstempfindungen soll sein, unseren Körper auf ein angemessenes Verhalten vorzubereiten. Wer hat nicht schon mal vom Fight-or-Flight-Mechanismus - der Kampf-oder-Flucht-Reaktion - gehört? Geprägt wurde der Begriff durch Walter Cannon als physiologische Anpassungssituation. Sie soll den Körper in die Lage versetzen der Bedrohungssituation entweder zu entfliehen oder aber in den Kampf zu gehen. Später wurde Fight oder Flight durch Freeze ergänzt. Auch das werden sicherlich viele schon erlebt haben: Die Bedrohung ist im ersten Moment so überwältigend, dass man in Bewegungslosigkeit verharrt (in der Hoffnung, dass der Grizzlybär an einem vorbei ziehen möge).

In der Verhaltenstherapie wird Ängsten und Angststörungen unter anderem mit Konfrontationen (gedanklich oder real) begegnet (—> Konfrontation und Exposition). Ein wichtiger Bestandteil dabei ist, so lange in der Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz zu verbleiben bis die Angstsymptome (Anspannung, erhöhter Puls, schwitzen, etc.) nachlassen. Es sollen so neue Verhaltensmuster gelernt werden in dem erlebt wird, dass die befürchteten Folgen ausbleiben. Das klappt natürlich nicht in nur einer Sitzung, sondern nur durch wiederholtes Durcharbeiten der angstauslösenden Situation. Einer der Wirkmechanismen der Konfrontationstherapie ist die Habituation. Sprich die Gewöhnung an den angstauslösenden Reiz und damit auch die Abnahme der (Angst-) Reaktion.

Wenn ich in den sozialen Medien die Äußerung lese, dass die Leute mittlerweile unvorsichtiger werden, dann finde ich das aus psychologischer Sicht also nicht weiter verwunderlich. Ganz im Gegenteil, dass ist sogar der natürliche Lauf der Dinge. Ein potentiell gefährlicher Virus über den wir noch nicht viel wissen breitet sich aus. Während man sich selbst vielleicht noch im Zustand der Erstarrung erlebt und hofft, dass dieser Kelch an einem selbst vorübergehen möge, werden an anderer Stelle bereits diverse Strategien entwickelt um der Bedrohung zu entgegnen. In den letzten Monaten ist einiges getan worden. Die diffuse und potentielle Bedrohung ist allerdings immer noch da. Im Sinne der Konfrontation wurden und werden wir durch soziale Medien, Politik und mediale Berichterstattung in jeglicher Form immer und immer wieder mit der Bedrohungssituation konfrontiert. Verschiedenste Szenarien werden ausgemalt. Die diffuse Bedrohung immer wieder präsentiert und aufrecht erhalten.

Man will erreichen, dass die breite Masse weiterhin achtsam bleibt. Weiterhin auf Abstand und Hygiene achtet. Man will versuchen das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu behalten. Das ist ja nun auch völlig legitim. Ja, wir müssen vorsichtig sein. Ja, wir müssen die Entwicklung und die Dynamik im Auge behalten. Wir sollten dabei auch all die anderen Lebensbereiche nicht außer Acht lassen. Das ist alles richtig und wichtig. Ein Stadium der Angst kann aber rein physiologisch bedingt nicht unbegrenzt aufrecht erhalten werden. Der Hormonausschüttung von Adrenalin und Cortisol sind physiologische Grenzen gesetzt. Irgendwann sind die hormonbildenden Stellen leer gebrannt.

Was durch die wiederholte Durcharbeitung und Aktualisierung der Bedrohungssituation in Politik und Medien aus psychologischer Perspektive folgt, ist eine Habituation. Also eine Gewöhnung an den angstauslösenden Reiz, sodass dieser immer weniger zu einer Angstreaktion führt. Die Leute gewöhnen sich an die diffuse Bedrohung durch COVID-19 und werden entspannter oder nachlässiger (je nachdem von welcher Perspektive man da jetzt ran gehen möchte). Eine Politik mit der Angst kann also nur schwerlich eine langfristig angelegte Strategie sein, die zum erwünschten Ziel führt. Dafür wäre es vermutlich nötig immer neue angstauslösenden Szenarien zu vermitteln.

Wenn nun also Menschen wie Streeck formulieren, dass es zu viel Angst gibt und dafür plädieren, dass wir alle lernen müssen mit dem Virus zu leben, dann stimme ich dieser Aussage teilweise zu. Ich gehe aus psychologischer Sicht (und ausgehend von den Modellen die ich zur Angstentstehung und Therapie von Angsterkrankungen kenne) aber davon aus, dass wir alle ein genetisch angelegtes Programm haben um mit solch langfristigen Bedrohungssituationen umzugehen. Die Angst vor einem Virus kann nur über einen begrenzten Zeitraum dazu führen, dass Kontaktbeschränkungen und andere Einschränkungen eingehalten werden. Irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht an dem sich der Großteil so sehr an die Bedrohung gewöhnt hat, dass sie kaum mehr als Bedrohung wahrgenommen wird. Sicherheitsbedürfnisse geraten zu Gunsten sozialer Bedürfnisse oder dem Bedürfnis nach Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung in den Hintergrund (—> Maslowsche Bedürfnishierarchie).

Die Frage ist jetzt nur: Wie lange dauert sowas? Und wäre es nicht sinnvoller auch politisch ein oder zwei alternative Strategien zu entwickeln die weniger auf die Aufrechterhaltung von Angst ausgerichtet sind?

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