Nachsorge für Einsatzkräfte - Wer hilft den Helfern?

Ich arbeite nun schon eine ganze Weile in der Gesundheitsbranche. Wie viele wissen zumeist in psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereichen. Wären die damaligen Besuche im Berufsinformationszentrum irgendwie sinnvoller gestaltet gewesen und hätten wir von Seiten der Schule die eine oder andere Berufs- und Ausbildungsmesse besucht, dann hätte ich beruflich eventuell einen andere Weg eingeschlagen. Denn kurz nachdem ich mein FSJ begonnen hatte, hatte ich über das Internet Bekanntschaft mit einem gleichaltrigen Jungen gemacht der ebenfalls ein FSJ machte. Er jedoch machte dies bei den Johannitern und konnte zeitgleich eine Ausbildung zum Rettungssanitäter machen. Da war ich sehr neidisch. Informierte mich ob ich noch wechseln könne, aber das war nicht mehr möglich, da ich schon ein paar Monate der FSJ-Zeit absolviert hatte. Und irgendwie verlor ich diesen Tätigkeitsbereich dann wieder aus den Augen. Wurde Kinderkrankenschwester und dann Psychologin.

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Heute habe ich von anderer Seite ein paar Einblicke in den Alltag des Rettungsdienstes. Nicht zuletzt seit ich mich für eine Weiterbildung zur Notfallpsychologin interessiere. So erzählte mir kürzlich im privaten Rahmen jemand von Einsätzen die augenscheinlich als schwer belastend beschrieben werden können. Wir kamen weiter ins Gespräch über die potentiellen Belastungen die eine Tätigkeit als Einsatzkraft (sei es als Polizistin, Notfall- und Rettungssanitäter, Feuerwehrmensch oder ähnliche Einsatzkräfte). Über das Bewusstsein einen Beruf mit erhöhter Belastung auszuüben und damit einem höheren Risiko für akute Belastungsreaktionen und posttraumatische Belastungsstörungen ausgesetzt zu sein und auch darüber wie mit diesen potentiellen Belastungsfaktoren und den Möglichkeiten der Einsatznachsorge im Rahmen der Ausbildung umgegangen wird.

Das Ergebnis war eher ernüchternd. Mich interessierte dann wie andere Rettungskräfte die Einsatznachsorge erlebten und fragte bei Twitter herum. Obwohl meine Reichweite dort eher gering ist bekam ich eine gute handvoll an Rückmeldungen. Auffallend war, dass die Qualität und Quantität bzw. die empfundene Verfügbarkeit von Einsatznachsorge im Allgemeinen sehr abhängig zu sein scheint zum einen vom jeweiligen Landkreis und vom Hilfsanbieter auf der anderen Seite. Relativ häufig wurde benannt, dass man Nachbesprechungen unter Kollegen durchführe, dass man über den Arbeitgeber Kontakt zu Psychologen herstellen könne, die dann relativ zeitnah Termine anbieten könnten. Wesentlich seltener scheint es größere Nachbesprechungen im Team unter Leitung eines geschulten PSNV-E (psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte) Kollegen zu geben und wenn, dann eher auf Bemühungen einzelner Mitarbeiter hin. Darüber hinaus wurden auch Nachbesprechungen im Rahmen der CISM (Critical Incident Stress Management) genannt.

Zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) habe ich aktuell ein kompaktes Handbuch zu Hause liegen. In diesem werden Einsatzkräfte aber auch eher stiefmütterlich behandelt und es geht im Kern um die psychosoziale (Erst-)Versorgung und Prävention von psychischen Folgen bei Opfern und deren An- und Zugehörigen. Mit Sicherheit ein sehr breites und wichtiges Betätigungsfeld von PSNV-Mitarbeitern. In mir erwächst jedoch zunehmend der Eindruck, dass es zwar irgendwie ein Bewusstsein dafür gibt, dass Rettungskräfte einen mitunter sehr belastenden Beruf ausüben, aber dass sie sich das ja irgendwie auch selbst ausgesucht hätten und das schon irgendwie aushalten können (müssen).

Neben der Einsatznachsorge im Rahmen der PSNV wurden auch Nachbesprechungen im Rahmen des Critical Incident Stress Management (CISM) genannt. Das CISM richtet sich spezifischer an Einsatzkräfte und wird ebenfalls durch speziell geschulte Mitarbeiter angeboten. Es gibt verschiedene Formen davon die im Einzelkontakt oder in der Gruppe stattfinden und deren Dauer zwischen 10 Minuten und vier Stunden angesetzt werden. Theoretisch klingt das recht sinnvoll, in der praktischen Umsetzung scheint (nach den Rückmeldungen die mich erreicht haben) jedoch die Gefahr zu bestehen, dass so eine Gruppen-CISM-Sitzung eher dazu dient nach Einsätzen, in denen etwas schief gelaufen ist, einen Schuldigen zu suchen. In der Form ist eine Nachbearbeitung ja tendenziell eher ungünstig.

Regelmäßig stattfindende Angebote im Rahmen einer Supervision in der Gruppe wurden nicht genannt. Auf Nachfrage, ob so etwas denn gewünscht sei kamen eher zurückhaltende Rückmeldungen. Für mich entstand der Eindruck, dass nicht so ganz klar war, was regelmäßige Supervision überhaupt bedeutet. Finden Supervisionen (die sicherlich auch im Rahmen von PSNV-E und CISM stattfinden könnten) regelmäßig statt, so bietet sie den Mitarbeitern ein Forum in dem über akutere belastende Einsätze gesprochen werden kann. Es können aber auch Situationen geschildert werden die besonders gut gelaufen sind. Unabhängig von Einsatzbelastungen können hier auch anderweitige arbeitsbezogenen Belange (Führungsthemen, Einarbeitung neuer Mitarbeiter oder organisatorische Dinge, etc.) thematisiert werden. Einen wichtigen Gedanken bei Supervisionsangeboten finde ich persönlich immer: Auch, wenn ich selbst gerade keine Belastungssituation erlebt habe wegen der ich Gesprächsbedarf hätte, so gibt es doch eventuell unter meinen Kolleginnen jemanden der von einer belastenden Situation berichten möchte. Und hier kann mein Beitrag bzw. meine Perspektive dem Kollegen evtl. hilfreich bei der eigenen Gesunderhaltung sein. Regelmäßige Supervisionen sind in meinen Augen ein sehr sinnvolles Mittel zur Mitarbeiterfürsorge, Weitergabe von Praxiserfahrungen, Verbesserung der Arbeitsqualität und auch der Qualitätssicherung. Warum die Reaktionen also so verhalten bis ablehnend sind wenn es um regelmäßige Supervisionen (im Rahmen der Arbeitszeit selbstredend) geht, ist für mich nur wenig nachvollziehbar.

Die Frage, die sich aber auch stellt: Ist das alles nur so ein Gefühl, dass Rettungskräfte einer erhöhten Belastung ausgesetzt sind und damit einen erhöhten Bedarf an psychosozialer Vor- und Nachsorge haben, oder ist das eine übertriebene Fürsorge? Was sagt die Studienlage? Zugegebenermaßen habe ich keine ausführliche und tiefe Sichtung der Literatur vorgenommen, sondern mir vielmehr einen Überblick verschafft. Im Überblick scheinen die Forschungsbemühungen zu Belastungsfaktoren und Belastungserleben von Rettungsdienstmitarbeitern noch eher überschaubar zu sein.

Was ich für den deutschsprachigen Raum gefunden habe sind vor allem die Arbeiten von Hering und Beerlage (2014) sowie von Groß und Kollegen (2004). Erstere befragten 200 Rettungsdienstmitarbeiter zum Auftreten von Belastungsfaktoren. Im Vordergrund standen hier vor allem Behinderungen während der Einsätze und ungünstige Arbeitsbedingungen gefolgt von Problemen an rettungsdienstlichen Schnittstellen sowie Zeitdruck. Aber auch Situationen mit physischer Gefährdungen wurden benannt. Die Mitarbeiter wiesen zu 13 % emotionale Erschöpfung und zu 47% ein reduziertes Wirksamkeitserleben und damit erhöhte Werte auf diesen Burnout-Dimensionen auf. In der zweitgenannten Studie von Groß und Kollegen (2004) gaben von 186 Rettungsdienstmitarbeiter 23% Burnoutsymptome an. Sechs Prozent wiesen eine hohe Ausprägung posttraumatischer Symptome durch belastende Einsätze auf.

In einer relativ aktuellen und internationalen Metaanalyse von Petrie und Kollegen (2018) wurden 18 Studien inkludiert. Hier erfüllten 11% der Rettungsdienstmitarbeiter die Kriterien einer PTSD, 15 % einer depressiven Störung, 15 % einer Angststörung und 27 % für generelles Stresserleben. Im Vergleich mit der Normalbevölkerung zeigen Rettungsdienstmitarbeiter der Metaanalyse folgend somit höhere PTSD-Raten. Es gäbe jedoch Hinweise darauf, dass die PTSD-Raten über die Jahre rückläufig seien.

Auch interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer Arbeit von Cajoos und von Tavel (2017) in der Rettungsdienstmitarbeiter eine vergleichsweise hohe psychische Widerstandskraft aufweisen. Es zeigte sich in der Studie auch kein Anstieg der Widerstandskraft mit zunehmender Berufserfahrung sowie kein Geschlechtunterschied, sodass davon ausgegangen werden kann, dass Rettungsdienstmitarbeiter schon zu Beginn der Ausbildung über eine vergleichsweise hohe psychische Widerstandskraft verfügten.

Nun könnte man meinen, dass man dann nun bei der Rekrutierung zukünftiger Notfall- und Rettungssanitäterinnen ein erhöhtes Augenmerk auf die psychische Widerstandskraft legen könnte und dann vorzugsweise wie mit den höchsten Ausprägungen ausbildet um psychische Belastungsreaktionen zu minimieren. Aber das ist dann vielleicht doch etwas sehr pragmatisch und kurz gedacht. Die Studienlage unterstreicht vielmehr meinen oben ausgeführten Eindruck und Gedankengang. Rettungsdienstmitarbeiter sind diversen Belastungen ausgesetzt und gehören hinsichtlich Burnout und posttraumatischer Belastungsstörungen zu einer Risikogruppe. Daraus ergibt sich folglich ein gesteigerter Bedarf an präventiven Angeboten. Und die scheinen - glaubt man meinen privaten Unterhaltungen zu diesem Thema und der wenig wissenschaftlichen Blitzlichtumfrage bei Twitter - in der Ausbildung und dem späteren Berufsalltag von der Rettungsdienstleister erschreckend stiefmütterlich behandelt zu werden.

Einsatzkräfte, völlig egal ob Rettungsdienst, Polizei oder Feuerwehr, sind in Berufen tätig die 24/7 für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen im Einsatz sind. Sicherlich gibt es eine große Anzahl an Routineeinsätzen. Diesen Berufsständen gemein ist jedoch immer auch eine Unvorhersehbarkeit des Einsatzgeschehens. Sie wissen zumeist nur grob was sie am Unfallort erwartet und können sich nur unzureichend auf das einstellen, was sie dort möglicherweise vorfinden. Und das kann sich erstrecken von einem harmlosen Schwächeanfall bis hin zu einem Massenanfall von (Schwer-) Verletzten bei Verkehrsunfällen oder einem Zugunglück. Je länger jeder einzelne seinen Beruf ausüben kann und Freude daran hat, desto mehr Erfahrung kann er sammeln und desto routinierter und besser wird die Versorgung am Einsatzort. Es erscheint somit trivial die Arbeitsfähigkeit und psychische Gesundheit dieser Berufsgruppen zu erhalten und zu fördern. Sollte uns also nicht daran gelegen sein die Verfügbarkeit und Sichtbarkeit präventiver Angebote für Rettungsdienstmitarbeiter auszubauen?

Und abgesehen davon scheint sich hier für all jene Studierenden die auf der Suche nach einer Forschungsfrage für ihre Abschlussarbeit sind ein ganz nette Forschungslücke gefunden zu haben. ;)




Weiterführende Links/ verwendete Literatur:
Psychosoziale Notfallversorgung (Wikipedia)

Critical Incident Stress Management (Wikipedia)

Cajoos, V. & von Tavel, H. (2017).Resilienz und Kohärenzgefühl von Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitätern aus der Deutschschweiz

Groß, C., Joraschky, P., Gruss, M., Mück-Weymann, K., Pöhlmann, K. (2004)Belastung und Bewältigung im Rettungsdienst - Protektive Faktoren für Stressbewältigung und Burnout-Prävention

Hering, T. & Beerlage, I. (2004) Arbeitsbedingungen, Belastungen und Burnout im Rettungsdienst.

Nikendei, A. (2017). Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) - Praxisbuch Krisenintervention 2. Aufl.

Petrie et al. (2018) Prevalence of PTSD and common mental disorders amongst ambulance personnel: a systematic review and meta-analysis
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