Moral & Urteil.

Wer sind wir eigentlich, dass wir uns ständig ein Urteil über andere Leute und deren Leben anmaßen? Im Grunde wissen wir in aller Regel nichts bis gar nichts über die andere Person. Mit etwas Glück haben wir ein halbwegs stabilen Überblick über unser eigenes Leben.

Jeder von uns hat so seine eigenen Moralvorstellungen und Maximen nach denen er versucht zu leben. Ob die ihm nun bewusst sind oder nicht, spielt weniger eine Rolle. Die Vorstellungen wie die Dinge beschaffen sein sollten, wie man sich selbst anderen gegenüber verhalten möchte und wie man möchte, dass andere sich einem selbst gegenüber Verhalten sind da. Und sie sind bei jedem anders. Und nicht selten hat die Vorstellung davon wie man behandelt werden möchte wenig Ähnlichkeit mit dem wie man andere behandelt. Aber darum gehts ja eigentlich grad gar nicht.


moral
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Permanent fällen wir Urteile über uns und unsere Umgebung. Die Urteile über uns mögen dabei in einigen Fällen noch zutreffen, in den allermeisten Fällen sind sie aber derart durch die momentane Stimmungslage beeinflusst, dass man besser beraten wäre nicht über sich selbst zu urteilen, sondern es anderen zu überlassen. Auf der anderen Seite urteilen wir jedoch ständig über andere Leute. Ob wir sie nun kennen oder nicht. Gegenüber Freunden sind wir da im allgemeinen noch wohlgesonnenen, bei der Familie kommt es drauf an wie nah einem die jeweiligen Mitglieder stehen und bei völlig unbekannten kommt uns eher mal in den Sinn, dass das gerade erlebte Verhalten vielleicht gar nicht seine zu Grunde liegende Persönlichkeit ist, sondern vielmehr situativ bedingt.

(an dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich keinerlei empirische Grundlagen für all das habe und nur meine Beobachtungen wiedergebe)

Wirklich interessante Beobachtungen kann man aber im Kollegen Bekanntenkreis anstellen. Das kann geradezu faszinierend sein, wer sich da welche Art von Urteil über eine andere Person erlaubt. Man wähnt sich hier in einem Umfeld, in dem man den gegenüber kennt. Man vergisst, dass man die andere Person eigentlich nur oberflächlich kennt. Man weiß nicht, wie das Leben ausserhalb des beiden bekannten Überschneidungsbereiches aussieht. Man vergisst, dass man nur einen winzig kleinen Ausschnitt aus dem Leben der anderen Person kennt. In diesem Bereich finden sich auch jene Art moralische Urteile wieder in denen man die Neu-Verpartnerung einer vor kurzem Verwitweten mehr oder minder offen missbilligt. Aber was um alles in der Welt maßen wir uns da an? Keiner ausser den Beteiligten kann abschätzen, ob die alte Partnerschaft nicht vielleicht schon längst vorbei war, ob die beiden vielleicht eine Art Abmachung hatten. Und selbst wenn nicht? Was gehts irgendwen an?

Warum meinen wir das unsere Moralvorstellungen die richtigen sind und sind nicht in der Lage andere Vorstellung zu akzeptieren und andere Leute einfach ihr Leben leben zu lassen? Und wie die sich nun anziehen, ob sie gerne während des spazieren gehens lesen, oder ob sie erstaunlich zügig einen neuen Partner finden. Was gehts irgendwen anderes an, solang bei anderer Mensch davon Schaden nimmt? Man kann ja für sich selbst entscheiden, dass man sich lieber anders verhalten möchte, aber anderen auch das Anderssein erlauben.

Ich bin für weniger Urteil und mehr Leben.

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