Trotzdem Ja zum Leben sagen.

Ich mache selten Werbung für irgendwelche Dinge. Aber in diesem Fall möchte ich jeder therapeutisch oder beratend tätigen Person dieses eine Buch sehr ans Herz legen.

Stacheldraht

In „…Trotzdem ja zum Leben sagen“ erzählt Viktor E. Frankl von seinen persönlichen Erfahrungen aus mehreren Jahren Konzentrationslager. Er erzählt dabei aus der Sicht eines Psychologen, was insofern inkorrekt ist, als dass er Medizin studiert hatte und als Arzt tätig war. Das nur als Randbemerkung so hatte die modere Psychologie wohl erst Mitte des 20 JH ihren großen Durchbruch aus der Theorie heraus in die Praxis.
Wer das Konzentrationslager nicht erlebt hat (und das werden wir wohl fast alle sein), der kann überhaupt nicht erfassen welch Unmenschlichkeit dort geschehen ist. Klar! Wir haben heute alle Informationen und Fakten aus dem Geschichtsunterricht. Es gibt unzählige Dokumentationen, Reportagen, Bücher und Bilder. Aber wirklich begreifen können wir das nicht. Frankl bringt dem Leser die Unmenschlichkeit, dieses himmelschreiende Unrecht, näher. Er beschreibt recht emotionsneutral seine Erfahrungen beginnend bei der Ankunft in Auschwitz und endend in einem Lager in der Nähe von München. Er erzählt wie den Häftlingen zunächst alles materielle genommen wurde und später Stück für Stück alles was sie als Mensch ausmachte. Wie er unzählige Selektionen überstanden hat und mit dem Glauben auf sein Schicksal überlebt hat. Er selbst hatte sich im Lager eine Überlebenschance von 5 Prozent ausgerechnet.

Während ich mich oft frage, wie man ein Konzentrationslager als Mensch überleben und danach ins Leben zurückfinden konnte, soll Viktor Frankl einst gesagt haben: „Jeder Mensch hat sein Auschwitz“. Das war seine Antwort auf die Frage, wie man als Therapeut authentisch vermitteln könne, dass es aus jeder Krise einen weg hinaus gäbe, dass man nachempfinden könne, was der Patient durchlebe.
Frankl hebt in diesem Buch nicht hervor wie schlimm all die Qualen waren. Vielmehr arbeitet er heraus, dass es einem Menschen auch in einer absolut ausweglosen Lage noch gelingen kann einen Sinn zu finden. Dass es weniger darum geht den Sinn im Leben zu finden, sondern vielmehr darum den Sinn zum Leben.

Wenn Frankl nun sagt, dass jeder Mensch sein Auschwitz habe, dann meint er damit, dass jeder Mensch schonmal in einer Krise und/oder ausweglos erscheinenden Lage war. Im Buch führt er die Arbeitslosigkeit als Beispiel an, die durch ihre unbestimmte Dauer als schwer belastend erlebt werden kann. Beim Lesen war ich zunächst stutzig. Denn was bitte könnte überhaupt nur annähernd vergleichbar sein mit dem Häftlingsstatus in einem KZ? Bis ich verstand. Es geht nicht darum eine ausweglose Situation in ihrer Schwere mit einer Anderen zu vergleichen. Das steht niemandem zu. Was Frankl versucht herauszuarbeiten ist, dass es selbst in dieser (für mich schlimmsten vorstellbaren) Lage möglich war einen Sinn und damit Grund zum weiterleben zu finden. Eine Möglichkeit nicht als gebrochener Mensch in das Leben zurückzukehren. Denn selbst wenn nichts mehr übrig ist, in dem man einen Sinn finden kann, so könne immer noch ein Sinn im Leiden gefunden werden.
Wie Viktor Frankl die verschiedenen Lager überlebt hat? In einem Interview sagt er, dass sei sein unerschütterlicher Glaube an das Schicksal gewesen. Dass alles für irgendetwas gut ist. Dass jeder Einzelne von uns seinen eigenen Sinn zum Leben suchen muss, wenn er dieses Leben erleben will.

Und das ist eigentlich ziemlich genau das woran ich seit ein paar Jahren arbeite, ohne, dass ich das so habe benennen können. Zunächst ging es lange darum wo ich her komme, wie mich die Vergangenheit geprägt hat und welche Spuren all das Erlebte auf mir hinterlassen hat. Dann ging es eine ganze Weile (und eigentlich auch immer wieder) um Zukunftsthemen. Wo will ich hin, wie will ich sein? Seit einiger Zeit versuche ich mich noch vielmehr auf die Gegenwart zu fokussieren: Was ist jetzt gut? Was will ich jetzt ändern und welchen Weg will ich weiter gehen? Was macht für mich jetzt im Augenblick den meisten Sinn und wofür ist das, was ich da eigentlich gerade mache gut? Dabei wird mir immer immer bewusster, dass die Gegenwart nicht ohne die Vergangenheit funktioniert und die Gegenwart aber genauso wenig funktioniert ohne ein gewisses Maß an Zukunftsorientierung. Und da kommt auch der von Frankl angesprochene Sinn ins Spiel. Die Frage welches übergeordente Ziel man (aktuell!) im Leben erreichen möchte und mit welchen Mitteln man das erreichen kann. Das Ziel kann sich immer wieder ändern, der Mensch ist ja nicht aus Stein und durchläuft verschiedenste Wandlungsprozesse. Aber es reicht zunächst mal ein Ziel um einen Sinn am Leben und Leiden zu finden, um letzten Endes ein gelebtes Leben zu leben.

Viktor E. Frankl: …Trotzdem Ja zum Leben sagen - Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.

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