Die Sache mit den Rosinen.

Man nehme eine Rosine zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachte sie eingehend von allein Seiten. Man drehe sie zwischen den Fingern und spüre wie sich anfühlt. Man führe sie ans Ohr drehe sie zwischen den Fingern und höre was es da zu hören gibt. Dann rieche man ihr, befühle sie mit den Lippen. Man halte die Rosine zwischen den Lippen. Nehme sie in den Mund, beiße aber noch nicht drauf. Achte auf den Geschmack. Achte auf die Veränderung wenn man letzten Endes reinbeißt und sie langsam zerkaut. Bis man sie irgendwann runterschluckt. Und selbst dann kann man noch auf die kleinen Reste im Mund achten und ihr gewissermaßen nachspüren.

Und wofür ist das gut, ausser das man sich dabei erstmal ziemlich seltsam vorkommt? Diese Rosinenübung ist eine von unzähligen Übungen zur Achtsamkeit. Und Achtsamkeit ist gewissermaßen die Grundlage aller modernen Therapieverfahren und die Grundlage des inneren Gleichgewichtes und Stressresilienz. Und Achtsamkeit kommt in unserer westlichen Gesellschaft in der Regel viel zu kurz.

Wir haben diese Übung im Seminar an der Uni gemacht. Also saßen wir da alle mit unserer Rosine und folgten mehr oder weniger konzentriert den Anweisungen der Dozentin. Einigen fiel es sehr schwer sich zu konzentrieren oder die Übung ernst zu nehmen, anderen fiel es leichter sich darauf einzulassen. Ich selbst fand das auch eher befremdlich mich so eingehend mit einer einzelnen schrumpeligen Rosine zu beschäftigen, vor allem weil ich sonst eher das Essmodell Fressluke bin. Worum es aber im Kern geht ist dem Gedankenkarusell im Kopf zu entkommen. Sich für eine kurze Zeit ganz auf den Moment zu konzentrieren. Denn nur wer sich tatsächlich auf eine Sache fokussieren kann, kann produktiv an etwas arbeiten. Und wer es schafft seine Aufmerksamkeit auf den Moment zu bündeln, dem fällt es oft auch leichter zu entspannen.

Wir alle kennen doch dieses Gedankenkarussell im Kopf. Wir wollen eigentlich schlafen und uns gehen noch 1000 Sachen durch den Kopf. Wir wollen eigentlich zielorientiert an einer Sache arbeiten, aber haben im Kopf diverse Tabs offen und wir springen mental immer von von einem Tab zum nächsten. Wie soll man so anständig an einem Problem arbeiten, wenn man nebenher noch drei andere wälzt? Das wird nicht funktionieren.

Achtsamkeitsübungen können dabei helfen. Ob es jetzt gerade die Rosine sein muss sei mal dahin gestellt. Aber es gibt ja noch wirklich viele andere Möglichkeiten. Der Phantasie sind da kaum Grenzen gesetzt. Man kann sich zum Beispiel im Park auf eine Bank setzen, die Augen zu schließen und versuchen für fünf Minuten alles wahrzunehmen was man hören kann. Sind da spielende Kinder, unterhalten sich Senioren, joggt jemand vorbei, hört man die Straße? Dabei gibt es zwei Schwierigkeiten: Erst einmal sich nur auf die Aufgabe des Hörens zu konzentrieren und das andere auszublenden. Die Vorstellung, dass man nichts anderes wahrnimmt ist natürlich völlig unsinnig. Natürlich wird man auch mal den Wind im Gesicht spüren, oder es juckt irgendwo, oder wir bemerken andere Gedanken die mit der Aufgabe des Hörens nichts zu tun haben. Daher ist die zweite Schwierigkeit eine ganz essentielle: Nicht bewerten. Und natürlich ist auch die Vorstellung, dass wir nicht doch bewerten (die Verkehrsgeräusche sind zu laut. Der Wind ist zu kalt. Scheiße ich muss noch einkaufen!) völlig utopisch. Wir bewerten das was wir wahrnehmen, fühlen und denken eigentlich fast immer. Nicht bewerten ist also unmöglich. Es geht also darum die Bewertung wahrzunehmen und hinzunehmen. Die anderen Gedanken und Wahrnehmungen die man hat als eben solche wahrzunehmen und dann wieder ziehen zu lassen und sich wieder auf die eigentliche Aufgabe zu besinnen.

Wer das mal ausprobiert wird feststellen, dass das wirklich gar nicht so einfach ist und Übung braucht. Und vielleicht wird man auch nichts mit der Übung anfangen können, wird sich nicht darauf einlassen können. Denn einen direkten Effekt werden nur die Wenigsten im Anschluss wahrnehmen. Für andere wird es sich wie Zeitverschwendung anfühlen. All die Achtsamkeitsübungen brauchen etwas Zeit und Übung. Ich bin aber überzeugt, dass jeder Einzelne von Achtsamkeit - oder Mindfulness - profitieren kann. Wenn er oder sie die richtigen Übungen für sich selbst gefunden hat. Denn nicht jeder kann was mit Rosinen anfangen und nicht jeder fühlt sich wohl dabei sich im Park auf eine Bank zu setzen. Die einen tun sich leichter mit Wahrnehmung von äußeren Reizen, andere können mehr damit anfangen ihrem Körper nachzuspüren. Wieder andere fokussieren sich lieber im Sport. Ein wichtiger Knackpunkt ist jedoch immer, dass man das was man tut möglichst bewusst tut. Die Tabs im Kopf zu schließen und versucht im Moment zu bleiben. Denn so kann man das Gedankenkarussell mal verlangsamen oder gar abstellen. Dann kann sich das Hirn erholen und entspannen. Wer also regelmäßig achtsam mit sich und seiner Umwelt umgeht, dessen Hirn wird entspannter und damit auch leistungsfähiger sein.

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