Über Nähe und Distanz.

Wenn ich mir meinen Freundeskreis so ansehe und mir die Geschichten so anhöre, die jeder einzelne (und sicherlich auch ich und du auf der anderen Seite des Bildschirms) zu berichten weißt, dann sehe ich da immer wieder erstaunliche Dinge. Gerade wenn es um das zulassen von Nähe und was Wahren von Distanz geht.

Nähe und Distanz ist ein allgegenwärtiges Thema. Jeder einzelne von uns entscheidet in einem eher unbewussten und abstrakten Prozess wen er wie nah an sich ran lassen möchte. Manchmal können wir willentlich darauf Einfluss nehmen, häufig scheint es aber doch eher so zu sein, dass wir die Intensität mit der wir die Nähe eines anderen zulassen gar nicht mal so bewusst steuern können. Mancher fühlt sich seinem Bedürfnis nach Nähe ausgeilefert und/ oder weiß nicht wie er Distanz herstellen soll.

Einige scheinen damit gar keine Probleme zu haben. Vertrauen den Leuten scheinbar leicht, scheinen von aussen betrachtet ein ausgewogeneres & gesundes Gespür dafür zu haben wen sie nah an sich ran lassen möchten und wen sie sich lieber ein wenig auf Distanz halten.

Andere glauben, dass sie gar nicht ohne weiteres fähig sind Nähe zuzulassen und dass sie dafür sehr viel Vertrauen beim Gegenüber brauchen. Genau diese Spezies ist dann zumeist völlig irritiert wenn sie jemandem begegnen dem sie innerhalb kürzester Zeit sehr nah kommen, oder vielmehr den Anderen sehr nah an sich ranlassen. Wenn ich mir dann das Verhalten dieser Personen so ansehe, dann entdecke ich häufig ein wiederkehrendes und ähnliches Muster. Es wird Nähe und Vertrautheit zugelassen, und dann scheint eine Art Angst zu entstehen. Angst vor wasauchimmer. Vielleicht einfach weil sie es von sich selbst nicht gewohnt sind, dass jemand so nah an sie rankommt. Die Reaktion darauf ist dann nicht selten: Abstand suchen. Erstmal wieder sortieren und schauen was passiert ist. Ob es Schäden am Haus gibt. Erst wenn man das Haus auf Schadenfreiheit überprüft hat kann es in die nächste Runde gehen. Das kann eine ganze Weile so gehen. Und entweder pendelt sich das dann ein und es wird ein normales Maß gefunden, oder es geht noch eine Weile so weiter, bis einer von beiden nicht mehr kann. Entweder die Person, die die ungewohnte Nähe nicht aushält, oder die andere Person, welche diese Nähe-Distanz-Wechsel nicht mehr aushalten kann. Oder aber die beiden finden tatsächlich ein Arrangement damit umzugehen.

Und dann gibt es noch ein anderes interessantes Phänomen: Nähe zulassen ist für die einen einfacher für die anderen schwieriger. Soweit so gut. Für die meisten dürfte es im Endeffekt eher ein angenehmer Zustand sein. Zumindest behaupte ich das mal. Weil ich glaube dass Nähe ein überindividuelles menschliches Bedürfnis ist, das nach Befriedigung strebt. Folglich wird das Bedürfnis nach Nähe befriedigt, wenn man einem anderen Menschen nah ist. Oder sich nah fühlt und das bestenfalls auch noch auf Gegenseitigkeit beruht. Die Folge sollten angenehme Gefühle sein.
Schmerzhaft wird es dann wenn dann eine Distanz hergestellt werden soll zu einem Menschen dem man zuvor nah war. Das kann bisweilen einen langwierigen Prozess mit vielen Tränen und viel innerem Leid und Schmerzen bedeuten. Es ähnelt dann einer Art Craving-Verhalten, wobei in wiederkehrenden Episoden ein großes Verlangen nach der Nähe des Anderen besteht und man alle möglichen Dinge tun will (anrufen, email schreiben, vorbeigehen...). Und diese Phase kann tatsächlich erstaunlich lange andauern. Und unabhängig davon ob man ein Mensch ist der einfach Nähe zulassen kann oder sich dabei eher schwer tut: Beim schaffen von Distanz werden die Karten dann wieder neu gemischt. Nur weil sich einer schwer tut jemand an sich ran zu lassen, heißt dass nicht dass er den anderen deswegen leichter oder genauso schwer wieder gehen lassen kann.

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