Ein Wunsch.

Einen Wunsch. Wenn ich einen Wunsch frei hätte... Ich würde mir wünschen, dass sie niemand mehr umbringt.

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Suizidalität ist nicht wirklich ein Thema, über das häufig und viel und ausreichend gesprochen werden würde. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen äußern die Betroffenen ihre Suizidgedanken häufig nicht, teils aus Scham weil man so etwas ja nicht tut, teils weil sie sich diese Option einfach offen halten möchten und befürchten an der Durchführung gehindert zu werden. Zum anderen weiß die Umwelt auch nicht wie man mit Suizidgedanken oder der Suizidalität einer nahestehenden Person umgehen soll. Es macht Angst. Da steht auf der einen die Sorge, dass es jemandem so schlecht geht, dass er daran denkt sich das Leben zu nehmen, und auf der anderen Seite ein Stück weit Hilflosigkeit, weil man gar nicht weiß wie man damit eigentlich umgehen soll. Aus Hilflosigkeit entsteht Angst. Angst dass sich dieser nahestehende Mensch wirklich etwas antut und man nicht helfen konnte.

In meiner Arbeit in der Psychiatrie werde ich jeden Tag mit Suizidgedanken und Suizidalität, mitunter auch mit suizidalem Verhalten konfrontiert. Ich habe dabei noch keinen einzigen Patienten erlebt der tatsächlich tot sein wollte. Jeder einzelne will dass sich die derzeitige Situation ändert. Sei das nun die tatsächlich aktuelle Lebenssituation, oder seien es die quälenden Erinnerungen an eine belastende Vergangenheit. Die Betroffenen haben bis zum Punkt an dem sie an Suizid denken, alles in ihrer Macht stehende getan um ihre Situation zu verändern. Sich ein lebenswertes Leben aufzubauen. Sie sind dabei aber aus den verschiedensten Gründen gescheitert. Was dann noch übrig bleibt scheint eine logische Schlussfolgerung: "Mir kann keiner helfen, das wird sich nie ändern und ich will das keine Sekunde länger ertragen." Wie dann mit den Suizidgedanken umgegangen wird ist unterschiedlich. Viele haben zunächst einmal Angst vor ihren eigenen Gedanken, andere gewöhnen sich irgendwie daran und lernen damit umzugehen und wieder andere empfinden ihre Suizidgedanken als trostspendend, da sie wissen dass ihnen diese Option immer offen steht. Viele quälen sich lange Zeit allein damit rum, bevor sie jemandem davon erzählen. Eben weil sie sich schämen dafür, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen, weil sie sich schämen dafür nicht anders mit ihren Problemen umgehen zu können. Keinen anderen Ausweg zu wissen. Und häufig auch weil sie andere nicht belasten wollen. Weil wir in unserer Gesellschaft scheinbar auch lernen, dass wir unsere Probleme möglichst allein lösen sollen und niemandem zur Last fallen sollen.

Dann gibt es da noch den Unterschied zwischen Suizidgedanken und tatsächlich suizidalen Handlungen. In der täglichen Arbeit sind wir bemüht mit den Patienten möglichst offen über Suizidgedanken zu sprechen und Absprachen zu treffen mit denen beide Parteien umgehen können. In der Regel ist der Patient durch seine Suizidgedanken stark belastet und will diese loswerden. Und wir wollen mit dem Patienten einen anderen Weg zur Bewältigung der problematischen Situation finden. Ein suizidales Verhalten beschreibt das Ausführen von Handlungen die mit suizidaler Absicht ausgeführt werden. An dieser Stelle gilt es für uns, den Patienten zunächst daran zu hindern sich zu suizidieren und dann im weiteren Schritten auch wieder an anderen Strategien zur Bewältigung der problematischen Situation zu arbeiten.

Ich bin im Übrigen der festen Überzeugung, dass jeder einzelne sich über das Thema Suizid schonmal Gedanken gemacht hat. Auf die eine oder andere Art und Weise. Ich bin auch der Meinung dass man darüber tatsächlich offen reden sollte. Denn ich absolut davon überzeugt, dass kein einzelner sterben will, sondern seine Situation einfach nicht mehr länger erträgt. Und daran sollte man arbeiten. Die Situation zunächst erträglicher gestalten um darauf folgend ein lebenswertes Leben, ein erfülltes Leben zu gestalten. Ich wünsche mir also, dass sich keiner mehr suizidiert, sondern dass jeder die Hilfe erhält die benötigt wird um aus einer ausweglos scheinenden Situation ein neues angenehmes Leben aufzubauen. Weil ich weiß dass das geht.

Ein Suizid hinterlässt immer ratlose Gesichter. Weil keiner so genau weiß wie er damit umgehen soll. In meinem Umfeld gab es bisher 3 Suizide. Nur einer davon eine Patientin von mir. Ich konnte mit keinem so wirklich gut umgehen. Weil man sich immer überlegt, ob man nicht hätte etwas anders machen können. Auch wenn man rein rational genau weiß, dass es die Entscheidung einer Einzelperson war, an der man einfach nichts ausrichten konnte. Aber man weiß eben auch, dass diese Leute Hilfe hätten haben können. Das die Situation durchaus hätte geändert werden können.

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