Der Bewerbungsprozess als narzisstische Kränkung.

Der Narzissmusbegriff ist mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen. Oft um damit Menschen zu beschreiben, die durch egozentriertes, bisweilen rücksichtsloses, Verhalten auffallen. Ein Narzisst wird in der breiten Masse gern beschrieben als eine Person, die in sich selbst verliebt sei. Das dies nicht mal im Ansatz der Fall ist, sondern dass Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung im tiefsten Innern höchst verunsichert sind soll hier nur kurz erwähnt bleiben. Auch nur kurz erwähnt werden soll, dass es durchaus einen Unterschied zwischen (unterschiedlichen) Narzissmuskonzepten und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt.

In aller Regel schreiben wir anderen Menschen narzisstische Attribute zu. Dass wir selbst alle auch narzisstische Anteile in uns tragen, die Idee kommt den Meisten von uns doch eher selten. Dabei ist so ein gesunder Narzissmus in dem wir uns selbst hin und wieder mal in den Fokus stellen mitunter durchaus angemessen und hilfreich.

Wir alle haben in unserem Leben schon narzisstische Kränkungen erlebt. Wir wurden verlassen; wir haben in Schule, Ausbildung oder Studium eine schlechtere Bewertung erhalten, als wir glauben verdient zu haben; wir haben einen Job nicht bekommen, den wir gerne haben wollten; vielleicht wurden wir auch gekündigt; wir hatten eine bahnbrechend gute Idee, aber niemand hat sich wirklich dafür interessiert. Vielleicht habt ihr schonmal in einer Schlange angestanden, wärt als nächster an der Reihe gewesen, aber jemand anderes wurde plötzlich und völlig selbstverständlich vor euch bedient. Vielleicht habt ihr mal sehr lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen, obwohl ihr einen Termin hattet. Wie hat sich das für euch angefühlt?

Wenn wir glauben für etwas qualifiziert zu sein (sei es ein Job, oder als der ideale Partner oder wasauchimmer), dann schmerzt es uns ganz besonders wenn wir in diesen Bereichen eine Art der Zurückweisung erhalten. Es kratzt an unserem Selbstwertgefühl. Wir spüren, dass wir doch nicht ganz so einzigartig sind und nur eine Option aus mehreren Möglichkeiten. Wir sind narzisstisch gekränkt.

In den letzten Wochen habe ich viele Bewerbungen geschrieben und wurde zu dem ein oder anderen Vorstellungsgespräch eingeladen. Manche davon liefen ganz gut, andere eher so mäßig. Vor allem aber habe ich viele Absagen erhalten noch bevor ich überhaupt zu einem Gespräch eingeladen wurde. Auf manche Bewerbungen folgte auch gar keine Rückmeldung. Nun kann man sich drölf mal am Tag sagen, dass das nunmal zum Bewerbungsprozess dazu gehört, dass es eben viele andere Bewerber gibt von denen sicherlich einige besser qualifiziert sein werden als ich, die gerade ihr Studium beendet hat. Aber dennoch bleibt der Bewerbungsprozess in zunehmendem Maße zermürbend. Je länger er andauernd, desto zermürbender.

Hört man sich die Berichte von Menschen an, die in ihrem Leben schonmal arbeitslose waren, dann scheint der Bewerbungsprozess umso zermürbender je weniger der Tag durch anderweitige Tätigkeiten strukturiert wird. Man pendelt zwischen andauernder narzisstischer Kränkung durch Ablehnung und Hoffnung endlich eine gute Anstellung zu finden und ist dazwischen bemüht sich selbst und seine Identität nicht zu verlieren. Denn was und wer bin ich schon (wert), wenn ich keiner Tätigkeit mehr nachgehe?

Doch wie übersteht man diese Phase? Was helfen kann ist eine Übergangstätigkeit. Es wird nicht immer möglich sein zeitnah eine passende Anstellung zu finden, die den eigenen Vorstellungen entspricht. Eine gewisse Offenheit gegenüber anderen Jobs um die Lücke bis zur nächsten Festanstellung zu überbrücken kann hier mehr als hilfreich sein. So kommt von außen eine gewisse Struktur ins Leben. Man ist im Idealfall ein paar Stunden die Woche mit was völlig anderem beschäftigt als diesem zähen Bewerbungsprozess. Auch helfen wird es sich Freunden zu öffnen und den Frust über diese vermaledeite Bewerbungssituation und all die damit verbundenen Unsicherheiten zu teilen. Denn nur wer seine Sorgen und Ängste teilt hat die Chance Unterstützung in Form von emotionalem Support zu bekommen.

Generell hilfreich im Bewerbungsprozess: Nicht nur auf ausgeschriebene Stellen bewerben. Hier bewerben sich immer zahlreiche qualifizierte Personen. Die Konkurrenz ist dann naturgemäß höher. Also ran an den Computer und Firmen recherchieren, die sich mit Themen beschäftigen die euch beruflich interessieren. Bei Initiativbewerbungen mag nicht immer direkt eine Stelle verfügbar sein, aber oft genug gibt es bei den Firmen in absehbarer Zeit eine vakante Stelle. Und dann seid ihr schonmal bekannt! Darüber hinaus kannst du dich ruhig auch auf Stellen bewerben in denen nicht deine exakte Berufsbezeichnung steht. Aber wenn dich die Stellenbeschreibung anspricht, dann bewirb dich. Oft genug werden Quereinsteiger eingestellt.

Was sonst noch hilft: Geduld. Bewerbungen brauchen Zeit. Den Wenigstens von uns war es vergönnt nach nur 2 - 3 Bewerbungen eine passende Anstellung zu finden. Ich weiß. Wir alle wollen den perfekten Job (was auch immer das für uns heißt). Und zwar am Besten gleich!

Und wie eine Freundin zu mir sagte: Und wenn du diesen Job nicht kriegst, dann war es einfach noch nicht der richtige. Denn stell dir vor, du würdest den jetzt kriegen, wenn der eigentliche Superjob für dich noch auf dich wartet?!

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