Dissoziation, Konversion, Somatisierung.

Dieser Blog soll wieder mehr Inhalte, spezifischer mehr psychologische Inhalte bekommen, darum wird es nun in unregelmäßigen Abständen Beiträge zu ausgewählten Themen der Psychologie geben. Mal mehr und mal weniger komplex. Mal mit mehr und mal mit weniger Gesellschaftsbezug.

Heute beginne ich mit einem etwas komplexeren Thema, werde aber versuchen, das möglichst nachvollziehbar darzustellen. Und zwar mit der tiefenpsychologischen Sicht auf Dissoziation, Konversion und Somatoforme Störungen.

Dissoziation ist ein Phänomen, dass wir durchaus alle aus dem Alltag kennen, wenn wir in Tagträumen versinken und wir das Gefühl für die Zeit und unsere Umgebung verlieren. Oder wenn wir uns vor der geöffneten Kühlschranktür wieder finden und weder wissen wie wir dort hin gekommen sind, noch was wir da eigentlich wollten, denn Hunger haben wir gar nicht.

Unter pathologischer Dissoziation werden unterschiedliche Phänomene zusammengefasst die eine Person in irgendeiner Form den Bezug zu sich oder der Umwelt verlieren lässt. Und reicht von Amnesiezuständen, über veränderte Körperwahrnehmungen bis hin zur dissoziativen Identitätsstörung, bei der unterschiedliche Persönlichkeiten in einer Person ausgebildet werden.

Aus historischer Perspektive entspringt die Dissoziation - ebenso wie die Konversion - dem Hysteriebegriff. Beziehungsweise wurde die Hysterie im Wechsel als Dissoziation oder Konversion beschrieben. Heute sind die drei Phänomene jeweils unterschiedliche Richtungen gegangen, haben aber weiterhin Überschneidungspunkte.

Im Wortsinn bedeutet Dissoziation Trennung, Ablösung oder Zerfall und meint somit das Gegenteil von Assoziation und beschreibt einen Prozess der Desintegration und Defragmentierung des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität und der Wahrnehmung. Soll heißen: Bestimmte Anteile meiner Selbst werden abgespalten und nicht ins Selbstkonzept (also wie ich mich selbst wahrnehme und definiere) integriert. Dieser Logik folgend kann Dissoziation als Mechanismus zum Schutz vor unerträglichen Realitäten definiert werden, welche die individuelle kognitive und emotionale Reizverarbeitungskapazität überschreiten.

Zur Veranschaulichung: Wenn ich mich im Kriegsgebiet befinde und miterleben muss wie eine Bombe menschliche Körper zerfetzt, stellt die Dissoziation mein eigenes Überleben sicher, indem diese Erlebnisse abgespalten und nicht integriert werden. Meine basalen Überlebensinstinkte bleiben jedoch intakt. Zurück zu Hause schützt mich die Dissoziation weiterhin. Und zwar vor den überwältigenden Gefühlen die mit dem erlebten Trauma in Zusammenhang stehen. Jedoch schränkt mich die dissoziative Symptomatik unter Umständen recht deutlich in der Lebensqualität und Lebensbewältigung ein.

Die Dissoziation lässt sich als am ehesten beschreiben als Rückzug vom Bewusstsein, wobei einströmende Reize und der Effekt überwältigender Emotionen reduziert werden. Das kann man sich in etwa als Narkose des Bewusstseins oder von Körperregionen vorstellen.

Demgegenüber stehen bei der Konversion Triebimpulse im Vordergrund, die vom Über-Ich abgewehrt und ins Unbewusste verdrängt werden. So entsteht eine unbewusste Phantasie und eben jene Phantasie kann dann als Körpersymptom dargestellt werden. Konversionssymtpome sind als weniger durch äußere Anlässe wie Traumata verursacht, sondern viel mehr durch sogenannte innere Konflikte.

Die Konversion stellt aus tiefenpsychologischer Sicht die Abwehr des inneren Konflikte in Form der Übersetzung eines psychischen Inhaltes in physisches Symptom das. Das Symptom stellt dabei einen Kompromiss zwischen Triebwunsch und seiner Abwehr dar. Die Wahl eines körperlichen Symptoms (statt eines psychischen Symptoms) eröffnet also die Möglichkeit einen psychischen Konflikt auf die physische Ebene zu verschieben. Bedeutet somit also eine Über-Ich-Entlastung. Abgesehen davon ergeben sich durch das Körpersymptom auch neue Beziehungsmöglichkeiten im Sinne eines sekundären Krankheitsgewinns, bei dem der Betroffene verstärkte Aufmerksamkeit und Zuwendung erhält und zum Beispiel Versorgungswünsche erfüllt werden.

Zur Veranschaulichung: Es gibt psychogene Krampfanfälle, welche echten Krampfanfällen zum Teil täuschend ähnlich sehen, jedoch fehlen doch einige Aspekte von Krampfanfällen (z.B. gibt es nicht die charakteristischen neurologischen Veränderungen). Triebwunsch kann hier zum Beispiel ein Versorgungswunsch sein, indem symbolisiert dargestellt wird, dass man hilflos ist und auf den anderen angewiesen ist. Der Wunsch versorgt zu werden wird sich selbst aber nicht zugestanden und kann nicht formuliert und emotional kommuniziert werden, sondern wird abgewehrt und auf körperlicher Ebene mit Hilfe des Krampfanfalls darstellt.

Konversion stellt also eine Erzählung mit körperlichen Mitteln dar. Daher erfüllt das körperliche Symptom auch eine Symbolfunktion. Das bedeutet, dass sich das Symptom wie ein Traumelement deuten lässt. Die Dissoziation stellt demgegenüber eine Überstimulierung und Narkose dar. Das Symptom der Dissoziation symbolisiert nicht, sondern ist Folge einer Intrusion. Es ist also keine Deutung (wie bei der Konversion) möglich.

Von der Konversion und der Dissoziation abzugrenzen sind dann noch somatoforme Krankheitsbilder. Hier können drei grundlegende Typen unterschieden werden:
- Erschöpfungs- und Müdigkeitszustände
- Funktionsstörungen
- und Schmerzen an unterschiedlichen Lokalisationen.

Im Unterschied zu den traumatischen Erlebnissen und inneren Konflikten die bei dissoziativen und Konversionsstörungen zugrunde liegen, stehen bei somatoformen Störungsbildern eher ängstlich getönte Überzeugungen im Forderung die den Betroffenen dann zu bestimmen Verhaltensweisen drängen. Zum Beispiel einem intensiven Inanspruchnahme-Verhaltens der Gesundheitsversorgung.

Man könnte an dieser Stelle nun noch auf die Achse der psychosomatischen Totalität eingehen…. Aber da wird's dann wirklich ein bisschen…. abgefahren.

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