Zeitkriterium: Beziehungserfahren

Kürzlich unterhielt ich mich mit jemandem über das Thema Beziehungserfahrungen. Beziehungsweise was wir eigentlich darunter verstehen, wenn wir andere Personen als 'beziehungserfahren' einschätzen.

Wir sind ja alle irgendwie beziehungserfahren. Wir haben alle Erfahrungen mit verschiedenen Arten von Beziehungen gemacht. Je älter wir werden, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir bereits Erfahrungen mit der ein oder anderen Liebesbeziehung gemacht haben. Und um eben jene und die Interpretation vergangener Beziehungserfahrungen soll es im Folgenden gehen.

In meiner Beobachtung scheint es so, dass je jünger wir sind, desto eher lassen wir uns zu vereinfachenden Denkmodellen hinreißen. Da ist man schnell dabei über das potentielle Gegenüber das Urteil zu fällen er oder sie sei über den vorigen Partner noch nicht hinweg, weil diese Person noch einen gewissen Stellenwert im Leben einnimmt. Einige Jahre später wollen wir unseren potentiellen Beziehungspartner dahingehend abchecken, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Beziehung einen gewissen Zeitraum überdauert und was tun wir dafür? Genau: Wir ziehen die Informationen ran die wir haben. Hatte die Person zuvor eine langjährige Beziehung, dass glauben wir gern, dass die Beziehung mit uns womöglich ebenfalls eine gewisse Zeit überdauert.

Soweit so gut. An beiden Denkmodellen wird was Wahres dran sein. Und wie das im Leben so ist: Eine einfache Antwort gibt es auf die Frage nicht und die Sicherheit, dass man mit dem potentiellen Beziehungspartner einen Partner gefunden hat, mit dem es 'auf ewig' läuft, die gibt es sowieso nicht. Worum es mir aber geht ist, dass beide Ansätze uns in die irre führen. Der eine Weg bremst uns aus und hindert uns womöglich daran einen tollen Menschen kennen zu lernen und auf dem anderen Weg wiegen wir uns in einer trügerischen Sicherheit, die es so gar nicht gibt.

Aber was können uns die vergangenen Beziehungserfahrungen denn nun eigentlich verraten, oder wäre es nicht sogar viel sinnvoller, diese gar nicht zu beachten? Ich glaube, man kann schon wertvolle Informationen daraus ziehen. So können wir tatsächlich versuchen abzuschätzen, ob unser Gegenüber eventuell noch sehr an der verflossenen Liebe hängt und ihr hinterhertrauert und eigentlich gar nicht in der Lage ist etwas neues einzugehen. Oder aber ob die Erinnerungen zwar noch da und zum Teil auch schmerzhaft sind, aber schon wieder eine Bereitschaft da ist, sich für etwas Neues zu öffnen.

Ähnliches gilt für den Aspekt mit dem wir Beziehungserfahrenheit bescheinigen. Nur weil unsere auserwählte Person schon eine oder mehrere mehrjährige Beziehungen hinter sich hat, heißt das weder, dass dies Beziehungsformen waren die man selbst leben möchte, dass es gesunde Beziehungen waren oder aber dass der oder die Auserwählte im Moment gerade an etwas langfristigem interessiert ist. Wir wissen in aller Regel schlichtweg viel zu wenig um uns über die Beziehungen zwischen anderen Menschen ein angemessenes Urteil bilden zu können und ziehen zumeist nur ein Zeitkriterium heran. Was eine mehrjährige Beziehung jedoch durchaus aussagen kann ist, dass dieser Mensch zumindest in der Vergangenheit Willens und in der Lage war sich auf jemand anderen einzustellen und eine gewisse Bereitschaft mitgebracht hat eine andere Person in seinem Leben zu akzeptieren und ihr einen Platz einzuräumen. Nicht mehr und nicht weniger. Es heißt nicht, dass das in Zukunft zwischen dir und ihr oder ihm ebenfalls so sein wird. Denn du bist nicht die Expartnerin. Sind die bisher geführten Beziehungen eher von kurzer Dauer gewesen und haben selten wesentlich länger als ein Jahr angedauert, so kann man daraus auch versuchen etwas abzuleiten. Ich persönlich wäre bei solchen Konstellationen eher vorsichtig. Denn wenn jemand die Verbindung zu einer anderen Person jeweils nur ein paar Monate halten kann, dann hat dieser Mensch eher wenig Erfahrungen in Beziehungen gesammelt die über die Phase der Verliebtheit hinausgingen. Die Beziehungen haben kaum Alltag erlebt, bzw. sobald der Alltag kam konnte die Verbindung nicht gehalten werden.

Das hier stellt weder ein Beziehungstipp dar, noch ist es der Weisheit letzter Schluss. Es sind lediglich meine Gedanken zum Thema "Zeitkriterium: Beziehungserfahren". Auf der Partnersuche ist man immer bemüht den Gegenüber irgendwie einzuschätzen. Abzuschätzen ob das Lebenskonzept und Beziehungskonzept miteinander in Einklang zu bringen ist. Abzuschätzen ob und wie viel Energie man investieren will und ob der andere bereit ist das gleiche Maß an Energie in die angestrebte Verbindung einzubringen. Also ziehen wir die vergangenen Beziehungen unser Dates heran und versuchen das irgendwie zu interpretieren. Und auch wenn es dazu keine einfache Deduktion, keine einfache Wahrheit gibt, so kann uns allein das Zeitkriterium einen kleinen Hinweis auf die Fähigkeit zu romantischen Beziehungen geben. Aber diese kleinen Hinweise sind mit Vorsicht zu genießen. Denn nur, weil die vergangene Beziehung noch nicht lange beendet ist oder der Expartner noch Thema ist, heißt das nicht, dass eben jenem noch 'hinterhergetrauert' wird. Im Gegenzug bedeutet eine mehrjährige Beziehungserfahrung auch nicht, dass die Person auch in Zukunft (mit dir) eine langfristige Bindung eingehen wird.

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