2020

Cherry Picking und Corona.

Cherry Picking ist ein - nicht nur in der Wissenschaft - bekanntes Phänomen sich immer nur die Kirschen rauszupicken. Also das, was uns gerade in den Kram passt. Im Rahmen der sehr öffentlich-medial geführten Corona-Diskussion heißt das vor allem eines: Man sucht sich genau die Befunde raus die man a) versteht und b) die zur vorgefertigten Meinung passen. Und genau das ist es was ich in den sozialen Medien zur Zeit sehr häufig erlebe. Ein scheinbar recht unkritisches Annehmen von Informationen aus überwiegend ein- und derselben Quelle, bzw. Quellen die das eigene Meinungsgerüst stützen. Alternative Quellen und Interpretationen werden selten zugelassen und sehr schnell tot geredet mit dem Argument: "Du redest das alles klein und hast ja gar keine Ahnung." Das finde ich nicht nur schwierig, sondern sogar höchst bedenklich. Und im Folgenden will ich erklären warum. Aber zwei Dinge vorweg:

Social Distancing ist wichtig!

Zu allererst: Ich bin keine Medizinerin. Ich bin auch keine Epidemiologie, ich würde mich noch nicht einmal als Wissenschaftlerin bezeichnen. Ich habe keine Ahnung von ECMO und Intensivmedizin. Ich habe noch nicht mal sonderlich viel Ahnung von Politik. Aber als Psychologin verstehe ich was von Statistik.

Und zum zweiten: Ich halte Maßnahmen wie die Einhaltung einer sozialen Distanz, nicht krank zur Arbeit gehen und Hände waschen für unglaublich sinnvoll und eigentlich sollten diese Maßnahmen meines Erachtens keine Besonderheit darstellen, sondern den normalen menschlichen Umgang miteinander beschreiben. Und ehrlich gesagt genieße ich es sehr, dass mir beim Einkaufen niemand mehr mit seinem Einkaufswagen in die Hacken fährt oder mir ins Genick hustet. Nebenbei bemerkt wurde in Deutschland (überwiegend) ein Kontaktverbot ausgesprochen, keine Ausgangssperre. Der Hashtag #WirBleibenZuHause ist also irgendwie unpassend.

#FlattenTheCurve

Das erklärte Ziel der Maßnahmen wie dem Kontaktverbot in den meisten Teilen Deutschlands oder auch Ausgangssperren in anderen Ländern haben genau ein Ziel: Die Infektionswelle abzuflachen, sodass die Erkrankungen sich über einen längeren Zeitraum hin ziehen und das Gesundheitssystem weniger belastet wird. In Deutschland möchte man Szenarien wie in Italien oder auch Spanien vermeiden. Eine Abflachung der Kurve heißt also nichts anderes, als eine Abflachung der Kurve. Klingt trivial, scheint aber im Verständnis schwierig zu sein.

Immer wieder habe ich nach Implementierung des Kontaktverbotes Aussagen gelesen oder gehört wie: Die Maßnahmen sind unwirksam, wir haben ja weiterhin Neuinfektionen. Das ist aus mehreren Gründen eine falsche Einschätzung. Zunächst einmal gibt es eine gewisse Inkubationszeit. Wenn ich richtig informiert bin wird diese zwischen wenigen Tagen und zwei Wochen geschätzt. Eine Inkubationszeit von zwei Wochen bedeutet, dass sich die Wirksamkeit von Maßnahmen wie Kontaktverboten und Ausgangssperren erst nach 1,5 bis 2 Wochen zeigen wird. Zum anderen heißt ein "Flatten the Curve" auch NICHT, dass die Anzahl der Neuinfektionen zurück geht. Es heißt lediglich, dass die Anzahl der Neuinfektionen weniger stark zunimmt. So soll (im besten Falle) gewährleistet werden, dass wir die Zahl der schweren Verläufe mit unseren Möglichkeiten des Gesundheitssystems abfangen können.

Wissenschaft ist nicht Wahrheit

Ebenfalls trivial klingt die Aussage "Wissenschaft arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten". Sehr selten wird in der Wissenschaft mit kausalen Zusammenhängen gearbeitet. Denn das würde bedeuten, dass man mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgeht, dass ein Umstand A einen Umstand B bewirkt oder verursacht. In komplexen Geschehnissen wie einer Pandemie gibt es so unglaublich viele Einflussfaktoren, dass die Wissenschaft von Kausalitätsbeurteilungen sehr weit entfernt sein dürfte. Was in der Wissenschaft aber passiert sind Wahrscheinlichkeitseinschätzungen von Ursache-WIrkungs-Prinzipien. Aber auch diese Wahrscheinlichkeitseinschätzungen unterliegen einer gewissen Irrtumswahrscheinlichkeit. Soll heißen: Nichts ist sicher, bis es passiert ist.

Auch ein Robert-Koch-Institut und ein Hr. Drosten über den viele Menschen aktuell ihre Informationen beziehen, arbeiten mit Wahrscheinlichkeitsaussagen und Irrtumswahrscheinlichkeiten. Was in den Medien und Köpfen vieler Menschen jedoch passiert ist die Umwandlung dieser Wahrscheinlichkeitsaussagen in gültige IST-Aussagen. Und das sind sie nie gewesen. Das sind sie auch bei einem Herr Drosten nicht, der in seinem Podcast sehr bemüht darum ist, sich vorsichtig und differenziert auszudrücken. Die Informationen die in der Bevölkerung ankommen, sind dann aber zum Beispiel "Herr Drosten hat gesagt, wir sollen alle einen Mundschutz tragen.". Nein. Hat er nicht, er hat dargelegt in welchem Kontext es Sinn ergeben KANN.

Alternative Quellen reden das Problem klein

In meiner Wahrnehmung scheinen die meisten Menschen aktuell einen hohen Bedarf an Informationen zu haben. Die meisten scheinen diesen durch den Podcast von Drosten oder Quellen zu stillen die sich auf das RKI beziehen. Daran ist grundsätzlich nichts falsches. Aber wie oben bereits erwähnt: Die arbeiten auch nur mit Wahrscheinlichkeiten. Gewissheit über den Verlauf haben wir erst hinterher. Und gerade deshalb ist es so wichtig und so essentiell kritisch zu bleiben. Auch alternative Quellen zuzulassen, die noch einen etwas kritischeren Blick auf die Infektions- und Erkrankungszahlen haben. Wann haben wir denn schonmal die Wahrheit aus nur einer Quelle erfahren? Bei einer solch komplexen Situation wie wir sie aktuell vorfinden wäre es meiner Meinung nach grob fahrlässig sich nur einer Informationsquelle zu bedienen.

Grafiken sind hübsch, aber irreführend

Eine der wichtigsten Lektionen bei der Erstellung von wissenschaftlichen Arbeiten rührt aus der Zeit, als der Druck von Abbildungen und Grafiken noch sehr teuer war. Die besten grafischen Darstellungen sind die, die sparsam verwendet werden. Wer eine wissenschaftliche Arbeit erstellt, sollte sich sehr gut überlegen an welchem Punkt eine grafische Darstellung Sinn macht und dann vor allem in welcher Form. Exponentielle Grafen für die Entwicklung von Fallzahlen sind vor allem für eines gut: die Dramaturgie. Es wirkt dramatisch wenn man eine steil ansteigende bunte Linie in einem Koordinatensystem betrachtet. Ein bisschen besser sind da schon logarithmische Grafen, weil man hier wenigstens erahnen kann, dass sich die Fallzahlen einer Obergrenze nähern, wenn die Zahl der Infektionen langsam abflacht. Säulendiagramme können bei der Beobachtung des Verlaufes schon eher hilfreich sein. Aber auch dann nur, wenn die Skalierung der y-Achse passend ist. Und auch nur, wenn man die Werte, die in das jeweilige Diagramm eingehen zu irgendetwas in Bezug setzt. Im Falle von Corona wäre ein Bezug zur Einwohneranzahl vielleicht sinnvoll.

Fallzahlen sind irreführend

Insgesamt ist die Interpretation von absoluten Fallzahlen eine irreführende Informationsquelle. Denn welchen Wert hat die Information, dass es eine Packung Klopapier gibt? Man müsste wissen, wo diese Packung sich befindet. Denn es macht einen sehr erheblichen Unterschied, ob diese eine Packung der Vorrat in meinem Badezimmer ist, der Vorrat im Drogeriemarkt um die Ecke oder die letzte Packung im Umkreis von 250 km. Und genau das gleiche gilt für diese Fallzahlen.

Eine Fallzahl von 5000 Verstorbenen die in Land x mit Corona infiziert waren, sagt genau eines aus: In Land x gibt es 5000 Verstorbene die mit Corona infiziert waren. Diese Fallzahl sagt weder etwas darüber aus, ob sie auf Grund von Corona verstorben sind (denn es geht nur darum, dass sie damit infiziert waren), noch sagt sie etwas darüber aus, ob das eine "beeindruckende" Zahl ist. Beeindruckend im Sinne von: Welche Information ziehe ich daraus? Denn statistisch (nicht ethisch-moralisch!) macht es einen großen Unterschied, ob 5000 Verstorbene auf 10.000 oder 100.000 Infizierte kommen.

Dann gibt es da noch ein Problem bei der Interpretation der Fallzahlen: Bei der Zahl der Verstorbenen die mit Corona infiziert waren können wir uns recht sicher sein, dass der Wert sehr nah am wahren Wert liegt. Bei der Zahl der mit Corona infizierten lebenden Menschen aber absolut nicht. Wir sind im Endeffekt völlig im unklaren darüber wie hoch die Anzahl der Infizierten tatsächlich ist. Ich würde behaupten, dass wir am wahren Wert noch nicht mal nahe dran sind und es gibt Schätzungen, dass der wahre Wert um ein 10-faches höher liegt, als der Erhobene. Das ist wichtig! Denn mit dieser Zahl ändert sich die Einschätzung der Letalität des Virus.

Von der mangelnden Vergleichbarkeit der Länder untereinander mag ich eigentlich gar nicht anfangen. Nur so viel: Es gibt kein einheitliches Schema nach welchen Maßstäben wie Corona-(-Verdachts-)Fälle getestet oder erfasst werden. Das Vorgehen ist nicht einmal innerhalb Deutschlands einheitlich. Wie sollen da also die Länder untereinander vergleichbar sein?

Von der Wissenschaft in die Politik

Wir versuchen mit den aktuellen Maßnahmen die Anzahl der Neuinfektionen zu reduzieren. Vergleichen 'uns' dabei mit anderen Ländern und stützen 'uns' dabei auf eine sehr sehr dünne Datenbasis, weil wir keine andere haben. Und auf dieser Basis werden politische Entscheidungen getroffen. Nochmal: Ich halte es durchaus für sinnvoll die sozialen Kontakte einzuschränken. Denn wir wissen nicht wie der Virus sich verhält. Prävention ist sicherlich besser als Nachsorge. Aber mich besorgt die Alternativlosigkeit an Informationsquellen. Mich besorgen Vorstöße, welche die Grundrecht einschränken würden, die unter dem Deckmantel der Epidemie-/Pandemie-Vorsorge gesetzlich festgeschrieben werden sollen. Mich besorgt die Stilllegung ganzer Wirtschaftszweige für einen ungewissen Zeitraum, da irgendwann der Punkt kommen wird, an dem die Nachteile (die solche Einschnitte mit sich bringen) die kurzfristigen Vorteile um ein vielfaches übersteigen werden. Mich besorgt die breite Masse, die wie Schäfchen hinter politischen Entscheidungen zu stehen scheint, die auf einer sehr dünnen Datenbasis umgesetzt werden. Mich besorgt, dass erstaunlich viele Mitbürger sich als Denunzianten instrumentalisieren lassen.

Die Politik sollte kritisch bleiben

Ich kann nur schwer beurteilen, ob die aktuellen Maßnahmen in ihrem Kosten-Nutzen-Verhältnis gerechtfertigt sind. Dafür kenne ich zu wenig der Datenlage (Weil es wenig Datenlage gibt!). Ich will und wünsche und erwarte von der Politik aber schon, dass Maßnahmen, wie sie aktuell umgesetzt werden und die in der Pipeline stecken (wie die Einschränkung der Grundrecht z.B.), nur gut begründet umgesetzt werden. Und wenn ich mir alternative Quellen dazu ansehe oder auch schlichtweg nur die veröffentlichten Zahlen nehme und simpelste Statistik darauf anwende, dann hab ich daran meinen Zweifel und hinterfrage das kritisch.

Fazit

Das Fazit dieses Artikel soll also sein: Kritisch bleiben. Nicht nur eine Quelle nutzen. Weniger Grafiken angucken. Mehr an die frische Luft gehen. Und natürlich: Abstand halten.


Weiterführende Empfehlungen:



Corona-Krise: Offener Brief an die Bundeskanzlerin von Prof. Sucharit Bhakdi:
https://youtu.be/LsExPrHCHbw

Podcast von Dr. Drosten:
https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html
Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin: COVID-19: Wo ist die Evidenz?
https://www.ebm-netzwerk.de/de/veroeffentlichungen/covid-19
Multipolar-Magazin: Ein Beitrag über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Debatte
https://multipolar-magazin.de/artikel/covid-19-zwei-drei-gedanken-in-der-krise
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Nachsorge für Einsatzkräfte - Wer hilft den Helfern?

Ich arbeite nun schon eine ganze Weile in der Gesundheitsbranche. Wie viele wissen zumeist in psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereichen. Wären die damaligen Besuche im Berufsinformationszentrum irgendwie sinnvoller gestaltet gewesen und hätten wir von Seiten der Schule die eine oder andere Berufs- und Ausbildungsmesse besucht, dann hätte ich beruflich eventuell einen andere Weg eingeschlagen. Denn kurz nachdem ich mein FSJ begonnen hatte, hatte ich über das Internet Bekanntschaft mit einem gleichaltrigen Jungen gemacht der ebenfalls ein FSJ machte. Er jedoch machte dies bei den Johannitern und konnte zeitgleich eine Ausbildung zum Rettungssanitäter machen. Da war ich sehr neidisch. Informierte mich ob ich noch wechseln könne, aber das war nicht mehr möglich, da ich schon ein paar Monate der FSJ-Zeit absolviert hatte. Und irgendwie verlor ich diesen Tätigkeitsbereich dann wieder aus den Augen. Wurde Kinderkrankenschwester und dann Psychologin.

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Heute habe ich von anderer Seite ein paar Einblicke in den Alltag des Rettungsdienstes. Nicht zuletzt seit ich mich für eine Weiterbildung zur Notfallpsychologin interessiere. So erzählte mir kürzlich im privaten Rahmen jemand von Einsätzen die augenscheinlich als schwer belastend beschrieben werden können. Wir kamen weiter ins Gespräch über die potentiellen Belastungen die eine Tätigkeit als Einsatzkraft (sei es als Polizistin, Notfall- und Rettungssanitäter, Feuerwehrmensch oder ähnliche Einsatzkräfte). Über das Bewusstsein einen Beruf mit erhöhter Belastung auszuüben und damit einem höheren Risiko für akute Belastungsreaktionen und posttraumatische Belastungsstörungen ausgesetzt zu sein und auch darüber wie mit diesen potentiellen Belastungsfaktoren und den Möglichkeiten der Einsatznachsorge im Rahmen der Ausbildung umgegangen wird.

Das Ergebnis war eher ernüchternd. Mich interessierte dann wie andere Rettungskräfte die Einsatznachsorge erlebten und fragte bei Twitter herum. Obwohl meine Reichweite dort eher gering ist bekam ich eine gute handvoll an Rückmeldungen. Auffallend war, dass die Qualität und Quantität bzw. die empfundene Verfügbarkeit von Einsatznachsorge im Allgemeinen sehr abhängig zu sein scheint zum einen vom jeweiligen Landkreis und vom Hilfsanbieter auf der anderen Seite. Relativ häufig wurde benannt, dass man Nachbesprechungen unter Kollegen durchführe, dass man über den Arbeitgeber Kontakt zu Psychologen herstellen könne, die dann relativ zeitnah Termine anbieten könnten. Wesentlich seltener scheint es größere Nachbesprechungen im Team unter Leitung eines geschulten PSNV-E (psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte) Kollegen zu geben und wenn, dann eher auf Bemühungen einzelner Mitarbeiter hin. Darüber hinaus wurden auch Nachbesprechungen im Rahmen der CISM (Critical Incident Stress Management) genannt.

Zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) habe ich aktuell ein kompaktes Handbuch zu Hause liegen. In diesem werden Einsatzkräfte aber auch eher stiefmütterlich behandelt und es geht im Kern um die psychosoziale (Erst-)Versorgung und Prävention von psychischen Folgen bei Opfern und deren An- und Zugehörigen. Mit Sicherheit ein sehr breites und wichtiges Betätigungsfeld von PSNV-Mitarbeitern. In mir erwächst jedoch zunehmend der Eindruck, dass es zwar irgendwie ein Bewusstsein dafür gibt, dass Rettungskräfte einen mitunter sehr belastenden Beruf ausüben, aber dass sie sich das ja irgendwie auch selbst ausgesucht hätten und das schon irgendwie aushalten können (müssen).

Neben der Einsatznachsorge im Rahmen der PSNV wurden auch Nachbesprechungen im Rahmen des Critical Incident Stress Management (CISM) genannt. Das CISM richtet sich spezifischer an Einsatzkräfte und wird ebenfalls durch speziell geschulte Mitarbeiter angeboten. Es gibt verschiedene Formen davon die im Einzelkontakt oder in der Gruppe stattfinden und deren Dauer zwischen 10 Minuten und vier Stunden angesetzt werden. Theoretisch klingt das recht sinnvoll, in der praktischen Umsetzung scheint (nach den Rückmeldungen die mich erreicht haben) jedoch die Gefahr zu bestehen, dass so eine Gruppen-CISM-Sitzung eher dazu dient nach Einsätzen, in denen etwas schief gelaufen ist, einen Schuldigen zu suchen. In der Form ist eine Nachbearbeitung ja tendenziell eher ungünstig.

Regelmäßig stattfindende Angebote im Rahmen einer Supervision in der Gruppe wurden nicht genannt. Auf Nachfrage, ob so etwas denn gewünscht sei kamen eher zurückhaltende Rückmeldungen. Für mich entstand der Eindruck, dass nicht so ganz klar war, was regelmäßige Supervision überhaupt bedeutet. Finden Supervisionen (die sicherlich auch im Rahmen von PSNV-E und CISM stattfinden könnten) regelmäßig statt, so bietet sie den Mitarbeitern ein Forum in dem über akutere belastende Einsätze gesprochen werden kann. Es können aber auch Situationen geschildert werden die besonders gut gelaufen sind. Unabhängig von Einsatzbelastungen können hier auch anderweitige arbeitsbezogenen Belange (Führungsthemen, Einarbeitung neuer Mitarbeiter oder organisatorische Dinge, etc.) thematisiert werden. Einen wichtigen Gedanken bei Supervisionsangeboten finde ich persönlich immer: Auch, wenn ich selbst gerade keine Belastungssituation erlebt habe wegen der ich Gesprächsbedarf hätte, so gibt es doch eventuell unter meinen Kolleginnen jemanden der von einer belastenden Situation berichten möchte. Und hier kann mein Beitrag bzw. meine Perspektive dem Kollegen evtl. hilfreich bei der eigenen Gesunderhaltung sein. Regelmäßige Supervisionen sind in meinen Augen ein sehr sinnvolles Mittel zur Mitarbeiterfürsorge, Weitergabe von Praxiserfahrungen, Verbesserung der Arbeitsqualität und auch der Qualitätssicherung. Warum die Reaktionen also so verhalten bis ablehnend sind wenn es um regelmäßige Supervisionen (im Rahmen der Arbeitszeit selbstredend) geht, ist für mich nur wenig nachvollziehbar.

Die Frage, die sich aber auch stellt: Ist das alles nur so ein Gefühl, dass Rettungskräfte einer erhöhten Belastung ausgesetzt sind und damit einen erhöhten Bedarf an psychosozialer Vor- und Nachsorge haben, oder ist das eine übertriebene Fürsorge? Was sagt die Studienlage? Zugegebenermaßen habe ich keine ausführliche und tiefe Sichtung der Literatur vorgenommen, sondern mir vielmehr einen Überblick verschafft. Im Überblick scheinen die Forschungsbemühungen zu Belastungsfaktoren und Belastungserleben von Rettungsdienstmitarbeitern noch eher überschaubar zu sein.

Was ich für den deutschsprachigen Raum gefunden habe sind vor allem die Arbeiten von Hering und Beerlage (2014) sowie von Groß und Kollegen (2004). Erstere befragten 200 Rettungsdienstmitarbeiter zum Auftreten von Belastungsfaktoren. Im Vordergrund standen hier vor allem Behinderungen während der Einsätze und ungünstige Arbeitsbedingungen gefolgt von Problemen an rettungsdienstlichen Schnittstellen sowie Zeitdruck. Aber auch Situationen mit physischer Gefährdungen wurden benannt. Die Mitarbeiter wiesen zu 13 % emotionale Erschöpfung und zu 47% ein reduziertes Wirksamkeitserleben und damit erhöhte Werte auf diesen Burnout-Dimensionen auf. In der zweitgenannten Studie von Groß und Kollegen (2004) gaben von 186 Rettungsdienstmitarbeiter 23% Burnoutsymptome an. Sechs Prozent wiesen eine hohe Ausprägung posttraumatischer Symptome durch belastende Einsätze auf.

In einer relativ aktuellen und internationalen Metaanalyse von Petrie und Kollegen (2018) wurden 18 Studien inkludiert. Hier erfüllten 11% der Rettungsdienstmitarbeiter die Kriterien einer PTSD, 15 % einer depressiven Störung, 15 % einer Angststörung und 27 % für generelles Stresserleben. Im Vergleich mit der Normalbevölkerung zeigen Rettungsdienstmitarbeiter der Metaanalyse folgend somit höhere PTSD-Raten. Es gäbe jedoch Hinweise darauf, dass die PTSD-Raten über die Jahre rückläufig seien.

Auch interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer Arbeit von Cajoos und von Tavel (2017) in der Rettungsdienstmitarbeiter eine vergleichsweise hohe psychische Widerstandskraft aufweisen. Es zeigte sich in der Studie auch kein Anstieg der Widerstandskraft mit zunehmender Berufserfahrung sowie kein Geschlechtunterschied, sodass davon ausgegangen werden kann, dass Rettungsdienstmitarbeiter schon zu Beginn der Ausbildung über eine vergleichsweise hohe psychische Widerstandskraft verfügten.

Nun könnte man meinen, dass man dann nun bei der Rekrutierung zukünftiger Notfall- und Rettungssanitäterinnen ein erhöhtes Augenmerk auf die psychische Widerstandskraft legen könnte und dann vorzugsweise wie mit den höchsten Ausprägungen ausbildet um psychische Belastungsreaktionen zu minimieren. Aber das ist dann vielleicht doch etwas sehr pragmatisch und kurz gedacht. Die Studienlage unterstreicht vielmehr meinen oben ausgeführten Eindruck und Gedankengang. Rettungsdienstmitarbeiter sind diversen Belastungen ausgesetzt und gehören hinsichtlich Burnout und posttraumatischer Belastungsstörungen zu einer Risikogruppe. Daraus ergibt sich folglich ein gesteigerter Bedarf an präventiven Angeboten. Und die scheinen - glaubt man meinen privaten Unterhaltungen zu diesem Thema und der wenig wissenschaftlichen Blitzlichtumfrage bei Twitter - in der Ausbildung und dem späteren Berufsalltag von der Rettungsdienstleister erschreckend stiefmütterlich behandelt zu werden.

Einsatzkräfte, völlig egal ob Rettungsdienst, Polizei oder Feuerwehr, sind in Berufen tätig die 24/7 für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen im Einsatz sind. Sicherlich gibt es eine große Anzahl an Routineeinsätzen. Diesen Berufsständen gemein ist jedoch immer auch eine Unvorhersehbarkeit des Einsatzgeschehens. Sie wissen zumeist nur grob was sie am Unfallort erwartet und können sich nur unzureichend auf das einstellen, was sie dort möglicherweise vorfinden. Und das kann sich erstrecken von einem harmlosen Schwächeanfall bis hin zu einem Massenanfall von (Schwer-) Verletzten bei Verkehrsunfällen oder einem Zugunglück. Je länger jeder einzelne seinen Beruf ausüben kann und Freude daran hat, desto mehr Erfahrung kann er sammeln und desto routinierter und besser wird die Versorgung am Einsatzort. Es erscheint somit trivial die Arbeitsfähigkeit und psychische Gesundheit dieser Berufsgruppen zu erhalten und zu fördern. Sollte uns also nicht daran gelegen sein die Verfügbarkeit und Sichtbarkeit präventiver Angebote für Rettungsdienstmitarbeiter auszubauen?

Und abgesehen davon scheint sich hier für all jene Studierenden die auf der Suche nach einer Forschungsfrage für ihre Abschlussarbeit sind ein ganz nette Forschungslücke gefunden zu haben. ;)




Weiterführende Links/ verwendete Literatur:
Psychosoziale Notfallversorgung (Wikipedia)

Critical Incident Stress Management (Wikipedia)

Cajoos, V. & von Tavel, H. (2017).Resilienz und Kohärenzgefühl von Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitätern aus der Deutschschweiz

Groß, C., Joraschky, P., Gruss, M., Mück-Weymann, K., Pöhlmann, K. (2004)Belastung und Bewältigung im Rettungsdienst - Protektive Faktoren für Stressbewältigung und Burnout-Prävention

Hering, T. & Beerlage, I. (2004) Arbeitsbedingungen, Belastungen und Burnout im Rettungsdienst.

Nikendei, A. (2017). Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) - Praxisbuch Krisenintervention 2. Aufl.

Petrie et al. (2018) Prevalence of PTSD and common mental disorders amongst ambulance personnel: a systematic review and meta-analysis
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Seniorenresidenz

Hier würde ich mich lieber nicht so gern zur Ruhe setzen. Ist bestimmt ganz schön zugig dort. Und der Service lässt auch zu wünschen.

Ich hatte eine geliehene Kamera dabei, mit der ich mich nicht so wahnsinnig gut auskannte, aber dafür hatte ich im Anschluss ein neues Bildbearbeitungsprogramme mit dem ich hier und da ein wenig herum gespielt habe. Bildrauschen gibts heute inklusive, aber dennoch ein paar schöne Eindrücke von vorgestern.

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Lost in Hamburg

Sonntagvormittag nach dem Nachtdienst wache ich auf. Weil ich noch nicht bereit bin aufzustehen gucke ich durch mein Fenster zur Welt ins Handy und klicke mich so durch verschiedenste Bilder und Nachrichten. Ein kurzer Beitrag aktiviert mich dann doch. Im Süden Hamburgs gibt es nahe der Elbbrücken ein verlassenes Gelände, welches bald bebaut werden soll. Also doch ein Grund gefunden zu Frühstücken und das Haus zu verlassen.

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