Multiple Identitäten

Die Psychiatrie kennt eine psychische Störung, bei dem die Betroffenen mehrere Persönlichkeiten in sich tragen. Darum geht es hier nicht.

Es geht darum, dass jeder von uns verschiedene Identitäten in sich trägt. Jeder hat so seine eigene ganz individuelle Persönlichkeit, die in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Ausprägungen zeigt. Jeder Mensch fühlt sich im Normalfall verschiedenen sozialen Gruppen zugehörig und nicht nur einer. Im Alltag wird das alles sehr vereinfacht. Auch in der Fachwelt spricht man häufig nur von der 'Peer-Group'. Das ist nicht unbedingt falsch, aber so ganz richtig ist es letzten Endes auch nicht.

Vielmehr ist es doch so, dass wir uns auf verschiedene Peer-Groups aufteilen. Da mag es die Gruppe derer geben, mit denen man gemeinsam die Schulbank gedrückt hat, oder die Gruppe der Arbeitskollegen/ Kommilitonen/ Sportbuddies. Im Rahmen jeder dieser einzelnen Peer-Groups (schlicht und ergreifend gemeint ist eine Bezugsgruppe über die man sein soziales Ich definiert) zeigt man unterschiedliche Aspekte seiner Persönlichkeitsausprägungen. Das soziale Ich besteht somit aus multiplen Identitäten, dass sich aus den verschiedenen 'Ichs' der verschiedenen Bezugsgruppen zusammensetzt.

Inwieweit man selbst mitbestimmen kann, welche Gruppe für einen selbst als Bezugsgruppe gilt ist fraglich. Gerne würde ich behaupten, dass ich in meinen Entscheidungen mit wem ich mich so umgebe gänzlich frei bin. Im Endeffekt bin ich in diesen Entscheidungen aber erstaunlich unfrei.
Welche Schulkameraden ich habe hängt mehr davon ab, wer da zu Beginn des Schuljahres zusammengewürfelt wird. Die freie Entscheidung besteht letzten Endes nur darin, dass ich mir aussuchen kann mit wem aus dieser Menschenansammlung ich mich anfreunden möchte. Die Arbeitskollegen such ich mir noch viel weniger aus. Die ergeben sich vielmehr aus meiner Berufs- und Betriebswahl. Klar. Ich kann die Abteilung oder den Betrieb wechseln, wenn ich möchte. Aber auch dann werde ich wieder einer bestimmten Menschenkonstellation zugeteilt. Bei der Wahl meiner Sportbuddies bin ich da schon deutlich freier, wenn mir meine Trainingspartner nicht passen, dann such ich mir andere. Natürlich aus dem beschränkten Pool derer, welche die gleiche Sportart betreiben wie ich.

Andere soziale Zugehörigkeiten sind gar nicht wählbar. Die bestehen auf Grund von biologischen Merkmalen (Geschlecht/ Sexuelle Orientierung/ Hautfarbe) oder aufgrund des Einkommens (Unter-/ Mittel-/ Oberschicht).

Vermutlich definiert man sich selbst aber auch sehr viel weniger über die Zugehörigkeit zu verschiedenen Peer-Groups, vermutlich ist das übergeordnete Merkmal wichtiger für die eigene Identität. Sprich: Welchen Beruf habe ich gelernt/ über ich aus? Was studiere ich? Welchen Sport mache ich?

Für mich persönlich heißt das: Ich bin Kinderkrankenschwester. Ich bin angehende Psychologin. Ich bin Traceuse (Parkour-Sportlerin). Ich bin Arbeitnehmer und ich bin Studentin. Wobei ich mich in steigendem Maße als Psychologie-Studentin identifiziere und in sinkendem als Pflegekraft, je näher der Bachelor-Abschluss rückt. Und ich freu mich derbe drauf.

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