Was Psychotherapeuten nicht können.

"Laufen, Sport und Tageslicht machen ganz viel mit deinem Körper. Kein Psychologe kann das."
sagt @realhollowloop drüben bei Twitter

Und damit gebe ich ihr im Ansatz völlig recht. Kein Psychologe kann dir geben was die Sonne mit dir macht. Kein Psychologe kann die Hormone in deinem Körper so ankurbeln wie Bewegung es macht. Und wenn sie Psychologe sagt, meint sie Therapeuten und nicht all die anderen Psychologen die was ganz anderes machen. Aber das nur nebenbei.

Spaziergänge senken den Blutdruck und Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden abgebaut. Hormone die zwar sicherlich ihre Berechtigung und spezifische Funktion im Körper haben, wenn wir uns aber ärgern und danach auf dem Sofa sitzen bleiben, dann können die Hormone ihre Flucht- oder Angriffsfunktion nicht erfüllen und richten Schaden im Körper an.

Die Sonne auf der Haut wärmt uns, ich kenne kaum jemanden dem es nicht ein Lächeln ins Gesicht treibt, wenn er oder sie aus der Tür tritt und die warmen Sonnenstrahlen im Gesicht spürt. Ohne Sonnenlicht können benötigte Vitamine wie Vitamin D gar nicht gebildet werden. Das indirekte Sonnenlicht, das durch das Fenster in die Wohnung, oder das Büro hineinscheint reicht dafür nicht aus. Ein bewölkter Himmel dagegen schon. Aber man muss schon vor die Tür gehen.

Da ich selten völlig einer Meinung mit jemandem bin…: Was in weiteren Kommentare durchscheint, ist eine gewisse Abneigung gegen Psychologen (sic!) und Ärzte. Das ist zunächst nicht weiter verwerflich und je nach Erfahrungen durchaus gerechtfertigt. Jedoch ist eine generelle Abneigung gegen professionelle Hilfskräfte die bei psychischen Problemen kontaktiert werden können. Manche meinen man würde da eh nur zugelabert, andere fragen sich was einem das ganze Gelaber über die Kindheit und die Mutter eigentlich bringen soll und wieder andere wissen nicht warum man sich hier eigentlich zum Horst machen soll, während man die Mitglieder einer Gruppentherapie irgendwo im Raum platziert um dann Rückschlüsse auf die eigene Familie zu ziehen. Das kann man ruhig in Frage stellen und sicherlich gibt es so einige Psychotherapeuten die mehr Gulasch reden, als das sie wirklich zielführende Intervention anbieten. Aber schwarze Schafe gibt es überall. Und Fakt ist: Für Psychoanalyse, Tiefenpsychologie und kognitive Verhaltenstherapie gibt es viele Wirksamkeitsnachweise und die systemische Therapie wird (so vermute ich) in den nächsten Jahren folgen und dann auch von den Krankenkassen übernommen werden.

Für den therapeutisch nicht vorgebildeten Normalpatienten ist das Angebot aber nicht überschaubar. In der Regel ist der Unterschied zwischen den Therapieschulen nicht bekannt und man geht zu irgendeinem der die Berufsbezeichnung des Psychotherapeuten auf seinem Schild stehen hat. Und dann ist es vermutlich gar nicht mal so selten, dass man in der falschen Therapie sitzt. In einer tiefenpsychologischen Sitzung, obwohl eine verhaltenstherapeutische Ausrichtung zielführender wäre und umgekehrt. Nachdem man also nun mehrere Wochen oder Monate auf seine Therapie gewartet hat, sitzt man da vor einer Person mit der man nicht zurecht kommen, entweder weil sie zu wenig (wie die Analytikerin) oder zu viel (die Verhaltenstherapeutin) redet, oder weil man sie einfach nicht sympathisch findet. Das frustriert verständlicherweise. Und das macht es auch nachvollziehbar wenn jemand vor einem sitzt und sagt: Ich habe es probiert, aber ich kam damit nicht zurecht. Es hat mir nichts gebracht. Jedoch ist es sehr schade, wenn diese Erfahrung auf alle Psychologen (und damit Fachrichtungen) generalisiert wird mit Aussagen, dass die einen ja eh alle nur vollsülzen würden, und das die einem eh nur sagen worauf man auch selbst kommen kann.

Das Arbeitswerkzeug einer Psychotherapeutin ist vorrangig die Sprache. Es ist der Versuch durch Worte zu helfen. Und ganz häufig ist das so, dass der Therapeut einem nichts sagt, worauf man nicht selbst käme, manchmal weiß man es im Grunde auch schon selbst. Aber das ist eben der Unterschied: Man kommt oft nicht selbst drauf, oder will das was man schon weiß nicht zulassen. Man braucht die Hilfe einer aussenstehenden Person um eine andere Perspektive einzunehmen. Und um diese Perspektive einnehmen zu können lernt jeder Therapeut in seiner Ausbildung verschiedene Techniken.

Um wieder zum Ausgangspunkt zu kommen: Ich halte Bewegung an der frischen Luft und eine halbwegs gesunde und regelmäßige Ernährung für unabdingbar für die psychische Gesundheit. Kein Therapeut kann seinem Klienten das geben was ein gesunder Lebenswandel ihm geben kann. Aber dennoch hat Therapie ihre Berechtigung. Denn es gibt ausreichend Fälle in denen spazieren und Sonne nicht mehr ausreicht. Fälle in denen der Therapeut eine Stütze sein kann und darf um sein Leben wieder auf die Kette zu bekommen. Um wieder genug Kraft zu haben, dass man es vor die Tür schafft.

Es ist okay zu sagen, dass einem eine Therapie nichts geschafft hat. Ich finde es bewundernswert wenn sich jemand selbst aus dem Sumpf ziehen konnte. Aber ich habe auch Verständnis und Empathie für all die jenigen, die es nicht alleine schaffen. Und genau für diese Menschen halte ich es für wichtig, zu vermitteln, dass es okay ist zur Therapie zu gehen. Das Therapien nicht nur schwachsinniges Gelaber sind. Das Therapie helfen kann. Aber Spazieren, Sport und Tageslicht ist eine Grundlage für die psychische Gesundheit. Manche müssen das aber erst lernen. Und das ist okay. Dafür sind wir da.

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