Akutpsychiatrie.

Hinweis vorab: Eine niederschwellige und gut erreichbare psychiatrische Versorgung halte ich für absolut wichtig und brandaktuell. Ich habe auch immer gern mit psychisch kranken Menschen gearbeitet und tue das immer noch gern.

Ich arbeite nun schon einige Jahre in der Psychiatrie. Lange habe ich (bis auf wenige Aushilfstage) auf einer Station für Jugendliche und junge Erwachsene gearbeitet. Die Station verfolgte eine Art integratives Konzept bei dem akutpsychiatrische mit nicht-akutpsychiatrischen Patienten gemeinsam zusammen behandelt werden sollten. Mit ein paar Monaten Abstand zu diesem Konzept, sehe ich diesen Versuch kritisch. Wir haben dort versucht betreuungsintensive Jugendliche, die nicht selten eine engmaschige Betreuung (Kontakt alle 15 Minuten) oder sogar eine 1:1 (dauerhafte Betreuung durch examiniertes Personal) benötigten, mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu behandeln die ebenfalls einen gewissen Betreuungbedarf hatten. Dabei denke ich, dass diese Idee im Grunde funktionieren kann. Sofern ausreichend Personal vor Ort ist, dass entsprechend gut ausgebildet ist. Leider konnte ich über die Jahre zusehen, wie das Personal immer weniger wurde und die Patienten (subjektiv) immer kränker. Die Phasen in denen man mit einer Gruppe Patienten mal Aktivitäten wie Tischkicker oder Basketball durchführen konnte, wurden immer seltener. Denn wie soll gute Pflege funktionieren wenn da zwar drei Pflegekräfte im Dienst sind. Eine davon aber in einer 1:1 Betreuung sitzt, oder eben alle 15 Minuten nach einem Patienten sehen muss, der zweite ein intensives Pflegegespräch mit einem Patienten führt und der Dritte dann für die 16 anderen Patienten zuständig ist, aber eigentlich zur Visite mit muss. Was passiert dann mit den Bedürfnissen dieser 16 Patienten? klar, dass intensive Gespräch von Nummer 2 ist auch irgendwann vorbei. Aber dann steht schon der nächste Patient bereit.

Das größte Problem dabei: Oft war man gar nicht zu dritt, sondern nur zu zweit, weil der Krankenstand mit der zunehmenden Belastung anstieg. Dann gab es glücklicherweise oft noch Pflegeschüler, FSJ, die Teamassistentin oder auch mal Aushilfen von anderen Stationen. Ohne all diese Helfer wäre das System der psychiatrischen Pflege oft genug zusammengebrochen.

Die Überforderung und Unzufriedenheit lag oft genug spürbar in der Luft. Und wir alle waren uns bewusst, dass wir dem eigentlichen Klientel - unseren Patienten - mit so einer Pflege nicht gerecht werden können. Denn es bleibt gar nicht genug Zeit für alle. Von 7,7h Arbeitszeit geht sicherlich eine Stunde für die Pflegerische Übergabe drauf. Weitere 20-30 Minuten für die Übergabe an die Ärzte. Falls Visite ist: Je 1h für 2 Mitarbeiter. Für eine Aufnahme: Minimum 1h. Dokumentation: sicherlich 45 Minuten. Medikamente richten, kontrollieren, verabreichen: 45-60 Minuten. Weitere kleine Tätigkeiten (Essen austeilen, Betten machen, Botengänge), die nichts mit Patientenkontakt zu tun haben: 60 Minuten. Auf dem Papier bleiben also ca. 3h für reine Patientenkontakte. Drei Stunden für 8-10 Patienten und die Anleitung von Schülern, die ja noch irgendwie nebenbei laufen soll. Aus einer psychotherapeutisch ausgerichteten Station mag es möglich sein mit dieser Zeit zurecht zu kommen. Auf einer akut-psychiatrischen Station reicht das oft genug nicht aus. Denn eine Krisenintervention oder Deeskalation interessiert sich nicht dafür, dass du eigentlich nur 15-20 Minuten pro Patient Zeit hast. Auch nicht berücksichtigt sind hier Kontakte mit Eltern die man in dieser Altersgruppe notwendigerweise hat. Oft genug muss man auch hier Informationen geben und auch Beistand leisten.

Man konnte gar nicht allen Patienten gerecht werden.Häufig musste man abwägend welches Problem nun gerade dringlicher war und da gingen vor allem die stilleren schnell unter. Und das war frustrierend.

Jetzt arbeite ich in einer anderen Klinik. Mache dort nur Nachtdienst und helfe dort aus wo ich gebraucht werde. Hin und wieder auch auf einer geschützten Station für Erwachsene. Und dort lässt sich ein ähnliches erahnen. In manchen Nächten ist dort nur eine festangestellte examinierte Kraft und 2 Aushilfskräfte. Mit etwas Glück haben die auch Examen und mit etwas mehr Glück Erfahrung in der Psychiatrie. Fakt ist aber: Die Verantwortung für 30 kranke Menschen bleibt an einer Person hängen. So kann Akut-Psychiatrie in meinen Augen nicht funktionieren.

Aber eigentlich fängt es schon in der Ausbildung an. Dort versucht man den Pflegeschülern ein möglichst umfassendes Bild der Pflegetätigkeit zu geben. Psychiatrische Pflege kommt dabei meist zu kurz. Und so wird man beim Berufsstart ins kalte Wasser gekippt. Soll auf einmal wissen wie man mit eigen- oder fremdaggressiven Menschen umgehen soll. Soll wissen wie man mit seiner eigenen Angst in dieser Situation umgehen soll. Was hier helfen kann ist eine fundierte Ausbildung bevor man in der Akutpsychiatrie durchstartet. Gut wäre Deeskalationstraining schon im Rahmen der Ausbildung. Schon allein weil gefährliche Situation die kurz davor stehen zu eskalieren nicht nur in der Psychiatrie vorkommen, sondern eigentlich in allen Pflegebereichen möglich sind. Und es braucht definitiv einen besseren Personalschlüssel. Dann macht die Arbeit auch wieder Spaß. Dann hat man wieder Zeit für die Patienten und muss weniger Angst haben, denn es sind ja noch genug erfahrene und geschulte Kollegen da.

Und all das ist sehr schade: Denn wir brauchen gute Psychiatrien. Wir brauchen Orte die von Menschen in Krisen angelaufen werden können, in denen diese Leute Halt finden können. Mein Beitrag soll niemanden abschrecken sich in einer Krise an die nächstgelegene psychiatrische Ambulanz oder Notaufnahme zu wenden. Denn die Aktupsychiatrie ist auch immer eine Chance schnell Hilfe zu bekommen und zügig einen stationären Therapieplatz zu bekommen.

Wer Hilfe sucht sollte sie bekommen. Und wer nicht weiß wo, kann hier anfangen: http://www.telefonseelsorge.de


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