Hegelclub.

Vor etwas über einem Jahr war ich bei milden Temperaturen abends mit zwei guten Freunden unterwegs. Einer kam gerade aus dem Urlaub und hatte verschiedene österreichische Biersorten im Gepäck, die wir testen wollten. Nach einem guten Abendessen streunten wir durch die Weststadt und ließen uns schließlich am Rande eine Basketballfeldes nieder. Schräg gegenüber saßen drei offenkundig recht alkoholisierte Herrschaften mit eher unklaren Wohnsitzverhältnissen.

Einer der drei schien in unsere Präsenz mehr hinein zu interpretieren als da war und so kam ein Anderer herüber, sprach uns nett an und erklärte uns dass sein Kumpel irgendwie nervös sei und wenn wir im versichern könnten dass wir nicht wegen ihm dort seien und nur unser Bier trinken wollten, dann könne er das seinem Kumpel sagen und alles wäre in Butter. So wackelte er also wieder zurück und die Situation schien zunächst geklärt. Später kamen sie dann irgendwann alle drei rüber und wir unterhielten uns. Es war bisweilen recht unterhaltsam und witzig. Am Ende blieb der Vermittler vom Anfang noch bei uns und die anderen zogen sich zurück.

Berufsbedingt sind für mich Menschen die eine etwas andere Realitätsauffassung haben als der Rest der sie umgibt nichts neues. Ich höre mir viel an und bleibe lange sitzen bevor ich für mich entscheide, dass eine Situation brenzlig wird und es nun doch besser wäre aufzustehen, weil es sich dann schlichtweg besser ausweichen lässt. Meine zwei Kumpels kommen aus einer gänzlich anderen Ecke. Einer studierter Informatiker der andere studierter Cross-Media-Designer. Kurz: Irgendwas mit Medien. Beide anständig gekleidet mit Mantel und Hut. Dem Erscheinungsbild unseres Gegenübers gewissermaßen diametral entgegen gesetzt.

Warum genau sich die Stimmung verändert hatte weiß ich nicht mehr so genau. Er war irgendwie recht angetan von mir und rückte mir immer wieder auf die Pelle, ließ sich aber immer gut eingrenzen. Solche Situationen sind mir nicht unbekannt und war für mich in dem Fall weniger bedrohlich als viel mehr nervig. Meine zwei Jungs wurden aber immer nervöser und wussten scheinbar nicht so gut mit der Situation umzugehen. Ich hoffte nur sie würden nicht aufstehen und sich vor dem Herrn aufbauen. Ich hatte wenig Lust, dass der Abend in Handgreiflichkeiten endete. Dazu kam es auch Gott sei Dank nicht. Der Herr schimpfte nur etwas herum. Er fühlte sich von den Jungs angegriffen und sagte diverse unverständliche Sachen, die für uns zum Großteil wenig Sinn ergaben. Besonders im Gedächtnis ist mir aber geblieben, dass er ihnen sagte, sie sollen doch zu ihrem Hegelclub gehen, wenn sie sich so überlegen fühlen würden. Im Gedächtnis ist mir das geblieben weil wir, nachdem der Herr und wir jeweils unserer Wege gingen, eine kurze Diskussion darüber hatten.

Die beiden hatten nämlich Häkelclub verstanden. Ich sah für diese Bezeichnung überhaupt keinen Zusammenhang und konnte mir auch nicht erklären was er damit gemeint haben solle. Sie wiesen meinen Einwand, dass er vermutlich Hegelclub meinte (da Hegel ein Philosoph sei und man die Beschäftigung mit Philosophen nun eher Akademikern zuschreibt, die sich nicht so sehr für die unteren Gesellschaftsschichten interessieren und Akademiker nun zum Großteil eher mit Verachtung auf Menschen wie ihn herab schauen) zurück mit der Begründung, dass ich ja wohl nicht im Ernst glauben würde, dass der Mann wisse wer Hegel sei. Ich ließ es erstmal dabei bewenden. Aber die Wahrheit ist, dass mich das bis heute beschäftigt. Und ich frage mich wirklich, was wir uns da eigentlich manchmal für Urteile über andere Menschen anmaßen, die wir überhaupt gar nicht kennen? Vielleicht hat der Mann eine gute Schulbildung gehabt und sogar irgendwann mal ein Studium angefangen? Warum er nun in diesem Zustand vor uns stand, und wie es dazu kam, das können wir ja überhaupt gar nicht beurteilen.

Natürlich brauchen wir unser Schubladendenken, weil es uns das Leben einfacher macht. Aber ich finde wir sollten mit diesen Schubladen umsichtig umgehen. Bevor ich jemanden in eine Schublade stecke, kann ich mir auch wirklich mal die Mühe machen und überlegen, ob ihm diese Schublade auch wirklich gerecht wird, oder ob hinter einer ungepflegten alkoholisierten Fassade mehr steckt, als das was man auf den ersten Blick sieht. Nur weil ich nicht auf den ersten Blick sehe, dass ein Mensch eine gute Ausbildung, herbe Verluste, eine liebende Familie oder sonst irgendwelche beliebigen Erfahrungen im Leben gemacht hat, heißt es nicht, dass es nicht doch so war.

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