Zeig mir wie du deine Schokolade isst, und ich sage dir was für ein Mensch du bist.

Walter Mischel führte (neben einigen anderen Forschern) ganz wahnsinnig spannende Experimente durch. Er setzte Kinder vor Süßigkeiten und sagte ihnen, dass sie diese eine Süßigkeit jetzt gleich essen könnten, oder aber warten könnten bis man wieder zurück in den Raum käme. Wenn sie die vor ihnen liegende Süßigkeit in dem Zeitraum nicht essen würden, bekämen sie zwei Süßigkeiten.





Neben durchaus niedlich zu betrachtenden Kindern erbrachten verschiedene Längschnittstudien auch diverse Ergebnisse. So stellt man fest, dass 25-30jährige die im Vorschulalter länger auf die Süßigkeiten hatten verzichten können, sich nun leichter taten langfristige Ziele zu verfolgen, gefährliche Drogen zu meiden und ein höheres Bildungsniveau erreichten. Insgesamt waren sie belastbarer und anpassungsfähiger und hatten einen geringeren BMI. Was davon nun auf die damalige Fähigkeit des Belohnungsaufschubes zurückzuführen ist, lässt sich aber so einfach gar nicht beantworten.

Um es mit John Watson zu sagen: "Eine Prädispostion, bedeutet noch lange keine Prädetermination". Sprich: Nur weil man eine Veranlagung zu einem bestimmten Verhalten hat, heißt es noch lange nicht, dass man diese auch immer in jeder Situation zeigt. Wer nur schwer auf Schokolade/ Chips/ Zigarette verzichten kann, hat in erster Linie die positiven Eigenschaften vor Augen. Kann förmlich fühlen wie die Schokolade auf dem Mund zergeht, wie sich das Paprikaaroma der Chips ausbreitet und wie die Entspannung nach dem ersten Zug an der Zigarette eintritt. Man will dieses positive Gefühl sofort. Um Walter Mischel zu zitieren: "So hat ein verlockender, appetitiver Reiz eine erregende, motivierende Qualität […] die Wirkung, die ein Reiz auf uns hat, hängt also davon ab, wie wir ihn mental repräsentieren." Das heißt eben nichts anderes als zuvor gesagtes: Wir stellen uns vor wie es ist wenn wir uns jetzt gleich belohnen. Wir fühlen all diese positiven Dinge die dann eintreten werden. Und weil wir als Menschen stets davon getrieben sind unser Wohlbefinden hochzutreiben, wollen wir das gute Gefühl am liebsten sofort. Aufschieben ist schwierig.

Ich selbst halte mich wahrlich nicht für einen Experten in Sachen Selbstdisziplin. Immer wieder esse ich viel zu viele Süßigkeiten, stelle am nächsten Morgen fest, dass das letzte Bier schlecht war und mit dem Rauchen hab ich einige Male versucht aufzuhören. Gescheitert bin ich stets an meiner Disziplin. Aussenstehende sehen das jedoch zum Teil ganz anders. Sie betrachten andere Teile meines Lebens und melden mir eine hohe Selbstdisziplin zurück. Dass ich mich doch immer wieder zum Sport aufraffen würde, das Studium neben dem Beruf durchgezogen hätte und mich im Zuge dessen immer wieder selbst strukturiert hätte, dass ich mich auch wirklich zum lernen hinsetze. Es verhält sich also vielmehr so, dass man wohl beides sein kann: Selbstdiszipliniert und so gar nicht selbstdiszipliniert. Es kommt auf den Bereich an den man betrachtet.

Viele, viele, viele Leute berichten, dass sie haufenweise Süßigkeiten gegessen hätten, als sie mit dem Rauchen aufgehört hätten. Das lässt sich ganz einfach erklären: Selbstkontrolle zum Zeitpunkt 1 (Nein, ich rauche jetzt nicht) vermindert die Selbstkontrolle zu Zeitpunkt 2 (Nein, die Gummibären…. ach Scheiß drauf! Hab heute genug gelitten beim Nichtrauchen. Her mit den Gummibären! Und den anderen Krempel auch noch!).

Walter Mischel macht in seinem 350 Seiten starken Buch durch - gut verständliche populärwissenschaftliche Ausdrucksweise - deutlich was für erfolgreiche Selbstkontrolle nötig ist. Er hebt die wesentliche Rolle Exekutiver Funktionen hervor, ohne die wir keine Chance hätten unsere Ziele zu wählen und zu verfolgen. Die Exekutiven Funktionen zeichnen sich dabei durch 3 Merkmale aus:
1. sie erinnern uns an unser gewähltes Ziel
2. sie lenken unseren Blick auf den Weg den wir schon erreicht haben und zeigen uns auf, an welcher Stelle wir Korrekturen vornehmen müssen
3. sie hemmen impulsive Reaktionen

Es ist elementar, dass wir uns ein individuelles Ziel setzen, dass wir erreichen möchten. Ohne Zielsetzung kein Ansporn. Ohne Ansporn keine Anstrengung. Ohne Anstrengung keine Weiterentwicklung. Ob und in welchem Ausmaß uns Anstrengungen jedoch anspornen oder aber ermüden hängt von motivatonaler Bedeutung, Einstellungen, Standards und nuntja… eben Zielen ab. Auf unserem Weg zur Zielerreichung werden wir immer wieder aufschießende heiße Impulse abfangen müssen, sie durch unsere Kognition abkühlen müssen. Uns selbst vom Sinn und der Notwendigkeit des Wartens überzeugen müssen. Wie man seine heißen Impulse, sein Verlangen nach der Schokolade/ der Zigarette/ wasauchimmer abkühlt…. das ist so individuell wie alles am Menschen. Fakt ist: Es hilft sich in greifbarer Nähe eine Ersatzbelohnung bereit zu halten. Statt der Zigarette eben Gummibären. Statt der Gummibären nackte Frauen. Oder was anderes. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Schlussbemerkung: Als ich das Buch mit auf die Arbeit brachte schaute mich eine Kollegin schwer erstaunt an und sagte: "Und du liest ernsthaft 350 Seiten nur über Marshmallow-Projekte?!" - Ja und Nein. Aufhänger sind verschiedene Konzeptionen des Marhmallow-Tests. Mischel kommt auch immer wieder dorthin zurück. Aber eigentlich geht es vielmehr um Belohnungsaufschub, Willensstärke und Selbstkontrolle. Eingebettet in wissenschaftliche Forschungsarbeiten, eigene Beobachtungen und kurzen Erzählungen einzelner Probanden. Der Schreibstil ist für den Laien sehr gut nachvollziehbar, aber es scheint auch hinsichtlich wissenschaftlicher Gesichtspunkte gut fundiert und für den psychologisch vorgebildeten keineswegs langweilig, sondern recht unterhaltsam und kurzweilig.

Von was ich hier eigentlich die ganze Zeit rede: "
Der Marshmallow-Test: Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit." Geschrieben von einem wichtigen Mann der Psychologie: Walter Mischel. Veröffentlicht 2015.

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