Bindung

Bindung ist ne komische Sache. Was bestimmt an wen wir uns binden und warum können wir unsere Bindungsobjekte nicht einfach selbst bestimmen?

Uns allen dürfte bekannt sein, das die Bindung zu unseren primären Bezugspersonen (sprich: derjenigen die uns aufgezogen haben) eine der längsten, überdauerndsten und stärksten ist. Und diese Bindung kann durch kaum etwas erschüttert werden. Da können die Umstände und Entwicklungsbedingungen noch so fatal verlaufen. Selbst bei Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung bleibt die Bindung noch lange bestehen. Bei den meisten ein Leben lang. Was bleibt uns auch anderes übrig, solange wir von eben jenen Bindungspartnern abhängig sind? So lange wir darauf angewiesen sind, dass sie uns ernähren und versorgen, uns ein Dach über dem Kopf und damit einen gewissen Schutz bieten. Die Bindung an diese Bezugspersonen ist also in den ersten Lebensjahren für uns überlebensnotwendig.

Viele hinterfragen die Beziehung und Bindung zu primären Bezugspersonen (also den Eltern), erst nachdem sie ausgezogen sind und begonnen haben auf eigenen Beinen zu stehen. Das kann früher oder später geschehen. Ich wage aber mal zu behaupten, dass dieser Prozess mit zur Entwicklung gehört und daher von jedem irgendwann durchlaufen wird (Wer sich an dieser Stelle mehr für Entwicklungsaufgaben interessiert, kann z.B. mal bei Havighurst anfangen). Mit der Bindung und Beziehung zu brechen, das gelingt kaum. Unsere Eltern haben uns derartig geprägt, dass wir das zeitlebens mit uns herumtragen. Es ist also besser mit den Aspekten Frieden zu schließen, mit denen man selbst nicht so sehr einverstanden war und sich an dem zu erfreuen was gut war oder ist.

Aber wie kommt es dazu, dass wir uns stets neue Beziehungspartner aussuchen zu denen wir eine mehr oder minder starke Bindung aufbauen (können)? Und warum wird die Bindung zu einzelnen sehr stark sein, sodass sie selbst viele Jahre später nachdem vielleicht schon kein Kontakt mehr besteht immer noch bestehen bleibt und warum ist die Bindung zu anderen so schwach, dass es gar nicht so schwer ist, diese Menschen gehen zu lassen?

Was ist Bindung überhaupt? In bindungstheoretischen Theorien wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch das Bedürfnis dazu hat enge Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen die mit intensiven Gefühlen verbunden sind. Eine Idee zum Sinn dieses Strebens hält die evolutionstheoretische Perspektive bereit: Die Bindung an andere Personen bedeutet die Verfügbarkeit von Hilfe und Schutz, falls man mal von einem Raubtier (oder vom Chef…) angegriffen werden sollte. Also Hilfe in Zeiten, in denen man sich selbst aus welchem Grund auch immer bedroht fühlt. Vielleicht ist es also so, dass je vertrauter man miteinander war und je eher man davon überzeugt war, dass der Bindungspartner uns Sicherheit und Schutz bei bedrohlichen Ereignissen erhalten können, desto enger ist die Bindung zu eben dieser Person. Das würde zumindest auch erklären, dass es schwieriger ist einen Beziehungspartner gehen zu lassen, bzw. die Bindung zu lockern, als einen Freund gehen zu lassen, den man zwar auch sehr mochte, aber zu dem die Bindung eben nicht so intensiv gewesen ist.

Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch, das wir schon im frühesten Kindesalter sogenannte inner working models in uns ausbilden. Diese sind Repräsentationen von Bindungserfahrungen, die wir mit unseren primären Bezugspersonen gemacht haben. Also wie ein Bild oder eine Blaupause davon, wie wir nun glauben, dass Beziehungen ablaufen. Im weiteren Verlauf unseres Lebens werden wir viele neue Beziehungen eingehen. Immer dabei ist dann unser inner working model. Unbewusst und automatisch vergleichen wir die Beziehungserfahrungen mit unserer Blaupause aus Kindertagen und versuchen dann vorherzusagen wie sich unser Beziehungspartner verhalten wird. Das kann manchmal ganz schön nach hinten losgehen. Denn unsere Vorlage ist eben nur eine Vorlage. Die Vorlage der Beziehung zu unseren Eltern. Sie passt nicht immer zu den Bindungserfahrungen und dem Verhalten unseres Gegenübers. Manchmal finden wir uns so immer und immer wieder in ähnlichen Konflikten von denen wir nicht verstehen wie sie eigentlich entstehen konnten. Da genau hinzusehen erfordert zum einen viel Mut und zum andern auch viel Arbeit. Denn man muss sich seinen eigenen Bindungserfahrungen stellen, Erfahrungen die vielleicht nicht immer so schön waren und man muss daran arbeiten diese zu korrigieren, falls einem bestimmte Bindungserfahrungen immer und immer wieder Probleme bereiten. Aber zu der Erkenntnis muss man ja auch erstmal kommen und das ist ein völlig anderes Thema.

Bindung also. Ein faszinierender Aspekt der menschlichen Psyche wie ich meine. Wikipedia hält hierzu wieder einiges mehr an Informationen bereit: https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie

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