Scham, Schuld und Existentielle Ängste

Es war wieder Selbsterfahrungswochenende. Diesmal mit den Themenschwerpunkten Scham, Schuld und existentiellen Ängsten.

Wir alle schämen uns für irgendwas. Einige schämen sich, wenn sie Klopapier einkaufen, andere haben Schwierigkeiten damit vor einer Gruppe zu sprechen und wieder andere erröten wenn sie voll auf Helene Fischer abfahren und dann nach ihrem Musikgeschmack gefragt werden. Dabei ist Scham - wie wir gleich zu Beginn gelernt haben - eine gänzlich nutzlose Gefühlsregung. Sie entwickelt sich durch Erziehung und Sozialisationserfahrung, durch Lernen am Modell und Beobachtung von Rollenvorbildern. Sicherlich ist es sinnvoll die Regeln der Gesellschaft zu lernen und sich nicht völlig schambefreit in der U-Bahn zu entblößen und sich dort umzukleiden. Oder auch zu lernen, dass es nicht angebracht ist, in einem Meeting ein Gespräch über Geschlechtskrankheiten zu beginnen. Jedoch geht es hierbei um die Fähigkeit sich an gesellschaftlich geltende Normen anzupassen. Also um ein Verständnis von dem was in der jeweiligen Situation angebracht ist und was nicht. Schamempfinden ist jedoch überflüssig.

Die Dinge für die wir uns schämen, sind Dinge die allen Menschen passieren können. Wir schämen uns, wenn wir stürzen, wenn wir zum Bus rennen. Wir schämen uns ganz erheblich wenn es um unsere Sexualität geht. Dabei ist es sicherlich sinnvoll und wünschenswert, wenn man nicht offenherzig mit jeder Person detailliert über sein Sexualleben spricht, jedoch gibt es keinen Grund zur Scham für das Ausleben seiner Sexualität.

Zum Thema Scham haben wir an diesem Wochenende verschiedene Übungen gemacht. Die schönste davon war, dass jeder von uns sich in die Mitte eines Stuhlkreise setzen sollte (und allein das ist häufig schon schambesetzt und unangenehm, weil man plötzlich im Mittelpunkt des Interesses steht) und reihum sollte jeder eine Sache nennen, die er am Mittelpunkts-Menschen mag. Und obwohl man wusste, dass man nur positives zu hören bekommen würde, war die Situation mit Anspannung verbunden und ein Stück weit unangenehm. Auf der anderen Seite wirkte die Übung aber wie eine positive Emotionsdusche an einem Tag, an dem ich das wirklich gut gebrauchen konnte.

Scham kann auf Schuld folgen. Schuld ist dabei durchaus sinnvoll, ist sie doch wichtiger Bestandteil unseres Rechtsverständnisses. Zwar geht es in der Straftäterbehandlung heute nicht mehr wie im Mittelalter darum gleiches mit gleichem zu vergelten, damit eine Schuld beglichen wird, sondern auch sehr um Resozialisierung der Täter, jedoch ist ein maßgeblicher Bestandteil der Resozialisierung auch immer die Übernahme von Schuld. In der psychotherapeutischen Praxis ist es häufig eher umgekehrt. So geht es dort oft darum die erlebte Schuldlast der Patienten zu reduzieren.

Nach Scham und Schuld haben wir uns den existentiellen Ängsten gewidmet. Also mit Ängsten vor Dingen die gewissermaßen unabänderlich sind, wie zum Beispiel dem Tod oder Isolation oder unabänderlichem Leid. Oder aber auch davor den Sinn des Lebens nicht zu finden. Besonders spannend war für mich hier die Arbeit in Kleingruppen zu den Fragen 1) Gibt es einen Gott/ Göttin und was macht er/sie? 2) Was passiert nach dem Tod? 3) Welchen Auftrag hast du im Leben? Wir hatten in unserer Gruppe eine angeregte Diskussion darüber, da jeder die Fragen unterschiedlich beantwortete. Auch wer nicht an Gott glaubte, glaubte häufig an irgendeine Art höhere Instanz. Für mich persönlich sind die Antworten auf die drei Fragen miteinander verwoben. So hat die Idee einer höheren Instanz Einfluss auf meinen Glauben daran, was nach dem Tod passiert und schlussendlich darauf welchen Auftrag ich im Leben habe. Und obwohl ich mir auf einer rationalen Ebene recht sicher bin, dass nach meinem Tod ziemlich sicher nichts ist, und dass es keine höhere Instanz gibt, die irgendwas auch nur annähernd lenkt, so halte ich mich dennoch auf einer spirituellen Ebene daran fest. Das mag ein narzisstischer anmutender Wunsch sein, dass mein Leben auf diesem Planeten nicht völlig nutzlos und beliebig ist, oder vielleicht auch nur die Unfähigkeit mit das Nichts vorzustellen.

Ich freu mich schon auf die nächsten beiden Seminar-Wochenende, die leider erst im Wintersemester sein werden, dafür aber zum Ausgleich mit einem tiefenpsychologischem Schwerpunkt.

blog comments powered by Disqus