Gewalt in der Psychiatrie und Pflegenotstand

Vor ein paar Wochen ist ein Mann in der Psychiatrie verstorben. Der Fall ging ein paar Tage lang durch die Medien und jetzt scheint wieder Ruhe eingekehrt zu sein. Ich muss sagen, dass ich von der Berichterstattung doch sehr irritiert war und mich das in der Folge an der sonstigen Berichterstattung zweifeln lässt. Denn im Bereich der psychiatrischen Interventionen traue ich mir dann doch eine gewisse Expertise zu und da ich in besagtem Krankenhaus arbeite, kenne ich auch die Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst, der für sein Vorgehen an den Pranger gestellt worden ist.

Vorweg: Ich war bei dem Vorfall nicht dabei und kann mir daher kaum ein umfassendes Urteil darüber bilden, was in der Situation genau vorgefallen ist und ich weiss auch nicht wer da wie gehandelt hat. Aber ich kenne das Vorgehen im Falle von akuter Eigen- und/oder Fremdgefährdung wenn der Patient nicht mehr compliant (also Behandlungsuneinsichtig) und zugänglich ist.

Der erste große Fehler den mir in der Berichterstattung aufgefallen ist war die Suggerierung, dass der Patient freiwillig in Behandlung gewesen sei und die Zwangsmaßnahmen somit nicht hätten statt finden dürfen. Ein Patient der unter Zwang behandelt werden muss, kann per definitionem schon nicht mehr freiwillig in Behandlung sein. Das schließt sich aus. Es kommt jedoch häufiger vor, dass sich Patienten zunächst freiwillig in Behandlung begeben, sich deren Zustand aber dann verschlechtert. Eventuell werden sie zunehmend psychotisch und wahnhaft, sie entwickelt Suizidideen oder aber bedrohen andere Personen. Dann kann es passieren dass akuter Handlungsbedarf besteht. Der behandelnde Arzt schätzte Lage (im besten Falle in Rücksprache mit dem Pflegepersonal) ein und trifft eine Entscheidung über das weitere Vorgehen. Er kann z.B. eine Unterbringung veranlassen wenn der Patient selbst nicht behandlungseinsichtig ist, diese aber dringend notwendig hat. Diese muss von einem Richter innerhalb von 24 Stunden überprüft werden. Ist der Patient untergebracht wird er im Grunde schon unter Zwang behandelt. Denn würde er sich freiwillig behandeln lassen wollen, dann wäre diese Maßnahme nicht notwendig. Es gibt hier aber noch ein paar Graustufen, auf die ich erstmal nicht weiter eingehen will.

Ist ein Mensch also untergebracht, soll er vor sich selbst oder andere vor ihm geschützt werden. Meist geschieht die Behandlung auf entsprechend geschützten Station ("der geschlossenen Psychiatrie"). Doch wie kommt der Patient dort hin, wenn er da noch nicht ist? In der Regel wird er durch entsprechend ausgebildetes Personal dorthin begleitet. Situationsabhängig erfolgt dies zumeist durch das Pflegepersonal, den Sicherheitsdienst oder die Polizei.

Andere Zwangsmaßnahmen die in psychiatrischen Abteilungen durchgeführt werden, sind die Zwangsmedikation oder auch die Immobiliserung durch Fixierung. Auch hier stellt sich für jeden Einzelfall die Frage welche Unterstützung man zur Durchführung benötigt. Die Polizei wird bei Fixierungen erst dann dazu geholt, wenn die personellen Kräfte des Hauses nicht mehr ausreichen.

Das der behandelnde Arzt mit der Unterstützung des Sicherheitsdienstes auf einen Patienten zu geht um ihn auf eine Station zu begleiten ist dementsprechend ein normales Vorgehen. Wie gesagt: Was dort im Detail passiert ist weiss ich nicht. Was ich aber weiss ist, dass die Anwendung solcher Maßnahmen brutal aussehen. Weil sie genau das mitunter sind. Ein Mensch wird gegen seinen Willen und unter Anwendung von Gewalt überwältigt. Nicht um zu schaden, sondern um zu schützen.

Gewalt gehört in der Akutpsychiatrie zum täglichen Geschäft. Das Gewaltpotential seitens der Patienten ist mitunter ganz immens. Beschimpfungen, verbale und körperliche Bedrohungen sind an der Tagesordnung und viel zu häufig kommt es zu Übergriffen auf Pflegekräfte. Der Sicherheitsdienst hat somit durchaus seine Berechtigung. Denn mit den vorhandenen personellen Ressourcen ist die Arbeit - aus meiner Sicht - nicht mehr zu bewältigen. Das Ergebnis einer zu dünnen Personaldecke sind zunehmend gescheiterte Deeskalationsversuche die in Gewalt der anderen Seite enden. Gewalt in Form von Fixierung oder "Begleitung" in die Zimmerisolierung. Als Pflegekraft ist mir also durchaus bewusst was ich da tue. Und ich würde mir wünschen, dass die Möglichkeiten zur Deeskalation größer wären. Aber mit der Personaldecke ist das nicht möglich.

Der Fall und die zugehörige Berichterstattung hat nicht dazu geführt, das eine ernsthafte Diskussion über Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie und das Ausmaß der Gewalt (dem vor allem die Pflegekräfte ausgesetzt sind) geführt wurde, obwohl diese Diskussion dringend notwendig gewesen wäre. Statt einer Diskussion darüber, warum es überhaupt notwendig ist Sicherheitskräfte bei der Durchsetzung von Zwangsmaßnahmen hinzuzuziehen (weil nämlich zu wenig Pflegekräfte da sind um qualitativ bessere Deeskalation und Behandlung anzubieten) werden Rassismusvorwürfe laut und die Ausbildung der Sicherheitskräfte angeprangert.

Irgendwas ist da in der Berichterstattung schief gelaufen. Ein Mann ist gestorben. Und das ist traurig. Ob die Anwendung der Zwangsmaßnahmen und die Intervention der Sicherheitsbeamte, das wird eine Untersuchung klären. Der Vorfall hätte zu einer wertvollen Diskussion über die Behandlung in der Psychiatrie führen können. Aber vielleicht möchte man sich als Aussenstehender auch weiterhin nicht damit beschäftigen was hinter den Mauern passiert, weil es tendenziell ein bisschen Angst macht. Nicht zuletzt sicherlich auch, weil es es in der Geschichte der Psychiatrie ganz furchtbare Behandlungsansätze gab.

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